Vor Kurzem habe ich in einer Runde von politisch interessierten Menschen über den Klimawandel diskutiert. Argumente und Szenarien wurden ausgetauscht, allgemeine Empörung machte sich darüber breit, dass inzwischen jeder die Folgen der globalen Erwärmung spüren könne und man dennoch nichts dagegen unternehme. Die Sommer würden immer heißer, Wetterextreme und Dürren immer häufiger. Am Ende war man sich einig, dass man sehenden Auges auf eine Katastrophe zusteuere, die den Planeten in nicht allzu ferner Zukunft wahlweise als unbewohnbare Wüste oder als Überschwemmungsgebiet hinterlassen werde. Schließlich ergriff eine ebenso kunst- wie feinsinnige Dame das Wort, die bis dahin geschwiegen hatte. Sie sagte: „Der Homo Sapiens ist dabei, sich selbst auszurotten. Aber ich glaube an eine höhere Harmonie, die sich nach dem Ende der Menschheit wieder einstellen wird. Die Menschen sind dieser Harmonie nur im Weg, ein Störfaktor. Die müssen weg. Die müssen einfach weg.“
An diese Worte musste ich denken, als ich unlängst eine Folge des ZDF-Podcasts „Lanz & Precht“ über das Thema Klimawandel gehört habe. Die beiden Moderatoren hatten sich als Gast die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer eingeladen. Richard David Precht entwirft darin ein düsteres Zukunftsszenario: Die Politik habe endgültig resigniert, etwas Wirksames gegen die Klimaerwärmung zu unternehmen. Darum steuere die Menschheit auf eine finale Apokalypse zu. Precht ist überzeugt, dass die Erde in absehbarer Zukunft nicht mehr bewohnbar sein werde, zumindest für Menschen. Im nächsten Jahrhundert, so prophezeit er, werde es keine Menschheit mehr geben. Und trotz dieser denkbar düsteren Prognose schwingt er sich am Ende des Podcasts zu einer naturphilosophisch-tröstlichen Utopie auf, die er Luisa Neubauer mit folgenden Worten ans Herz legt: „Vielleicht wirst du dann sogar, wenn du so alt wirst wie deine Großmutter, sehenden Auges erfahren, dass es irgendwann mal gar keine idealen Lebensbedingungen für Menschen auf diesem Planeten gibt. Würde dich dann der Gedanke trösten, dass sich die Natur ohne den Menschen wieder weiterentwickeln kann, neue Arten hervorbringen und wieder aufblühen kann?“
Doch Neubauer steigt auf Prechts apokalyptisches Pathos nicht ein und erwidert: „Ihr habt ja schon recht, die Katastrophen sind da, aber jeden Tag sieht der Sonnenuntergang wieder bahnbrechend schön aus, auch wenn niemand hinguckt. Der ist auch ohne uns schön, aber ich glaube, dass es noch schöner wäre, wenn wir das zusammen hinkriegen.“ Doch Precht lässt nicht locker, ist man einmal im Erhabenen angelangt, steigt man ungern wieder herab: „Okay“, sagt er, „würdest du den Satz nicht unterschreiben, dass es schöner wäre, wenn der Mensch nicht zugucken würde?“ Neubauer darauf: „Dafür liebe ich, glaube ich, auch die Menschen zu sehr.“ Es spricht für die junge Klimaaktivistin, dass sie sich partout nicht auf die erhaben-düstere Wolke des weisen alten Denkers ziehen lassen will. Offenbar steckt ihn ihr mehr „Fridays for future“ als „Last Generation“. Einige Vertreter der „Letzten Generation“ nehmen ihr Engagement inzwischen ja schon so todernst, dass sie bewusst keine Kinder mehr in die Welt setzen – auch ein Beitrag zu einer Natur ohne die Plage Mensch.
Doch was passiert da genau, wenn Menschen sich eine Erde ohne Menschen vorstellen? Was Precht entwirft, ist die Dystopie einer von Menschen befreiten Erde, in die er sich am Ende wieder hineinprojiziert. Es ist zwar keine Menschenseele mehr da, die Klimakatastrophe hat alle dahingerafft, wohl aber ein imaginierter, erhaben über allem schwebender menschlicher Geist, der sich an der Schönheit einer reinen, menschenleeren Natur ergötzt.
Für einen Moment blitzt dann doch der reflektierende Philosoph in Precht auf, wenn er argwöhnt, ob diese Perspektive am Ende womöglich nur ein „ersatzreligiöser Trost“ sei.
In der Tat liegt ja etwas geradezu Alttestamentarisches in Prechts Dystopie, eine Art von: „Und der Mensch ward von der Erde getilgt, doch der Geist schwebte über den Wassern und Wüsten und er sah, dass es gut war.“ Precht wagt also prophetisch einen postapokalyptischen Blick auf die Erhabenheit dessen, was nach der „Klima-Hölle“ kommt. Hatte nicht bereits UN-Generalsekretär Guterres zum Auftakt des Klimagipfels in New York konstatiert, dass die Menschheit mit ihren klimaschädlichen Aktivitäten das „Tor zur Hölle aufgestoßen habe“. Auch ein zutiefst religiöses Bild. Einst glaubten die Menschen an die Sintflut, heute prophezeien sie die Überschwemmung. Precht sieht sich dabei offenbar als ein Geistesverwandter des alttestamentarischen Noahs. Zwar ist Precht nicht von Gott auserwählt, die Apokalypse in einer Arche zu überstehen, doch immerhin kann er sich in erhabener Prophetie am künftigen Überleben erlesener Tierarten im Rettungsboot der Evolution ergötzen.
Was bedeutet diese religiöse Emphase? Die biblische Sintflut ist ein himmlisches Strafgericht, Gott will die Menschheit wegen ihrer moralischen Verkommenheit vom Erdboden getilgt sehen, erst dann ist die Welt wieder unschuldig und rein, der Sündenfall ist gesühnt. Das Zusammenspiel von Moral, Strafgericht und Reinheitsfantasie ist auch in Prechts Vision am Werk, wenn er prophezeit:
„Wie schön wird sich die Erde irgendwann regenerieren im Laufe der kommenden Jahrmillionen, wenn der Mensch erst verschwunden ist. Unter einer Bedingung übrigens, dass wir die Erde sauber verlassen. Wir müssen natürlich aufpassen, was unsere Atomendlager, was unsere Atomraketen und so weiter anbelangt. Also wir wären dann in der letzten Generation mit Aufräumen beschäftigt.“
Die finalen Aufräumarbeiten als letzte Bußpraxis vor dem endgültigen Verlöschen verleitet sogar den ansonsten nicht zum Sarkasmus neigenden Markus Lanz zu dem Kommentar: „Das heißt, Richard, bevor wir untergehen, räumen wir noch mal kurz auf, wischen noch mal feucht durch?“
Psychologisch interessant an dieser apokalyptischen Fantasie ist, dass sie eine innere Spaltung in menschliches Sein und Nichtsein beinhaltet. Der Mensch als solcher ist darin gleichzeitig weg und da. Zwar ist er als Agierender verschwunden, doch als urteilender Sehender ist er metaphysisch anwesend. „Die müssen weg!“, hatte die Dame in der anfangs erwähnten Diskussion gesagt. Nicht: „Wir müssen weg.“ Sondern: „Die müssen weg.“ Die da, die verhindern, dass eine höhere Harmonie in der Welt herrscht. Damit löst man sich selbst gleichsam aus der Menschheit heraus. Erst aus der übermenschlichen Perspektive ist das Verdikt über „die“ möglich. Auch die Hypermoral der selbstverschuldeten Austilgung liegt in der Aussage, denn die Dame hat nicht gesagt: „Die sind dann weg.“ Oder gar: „Die sind dann leider weg.“ Ihre Prophetie ist keine beschreibende, sondern eine normative. „Die müssen weg!“
Nun hat die Verbindung von apokalyptischer Religion, Moral und Schuld noch selten humane Folgen gezeigt. In der Geschichte der Menschheit gab es zahlreiche Ausprägungen dieses „Die müssen weg!“. Bisher jedoch galten solche Auslöschungsfantasien immer nur Gruppen von Menschen, die das totalitäre Ideal einer reinen, gesunden und edlen Welt vermeintlich gefährden: Wer musste nicht alles schon weg! Die Indigenen, die Ungläubigen, die Juden. Heute haben wir den Horizont der menschenfeindlichen Fantasie erweitert, wir sind in der Totalität angelangt. Nicht diese oder jene müssen weg, sondern einfach alle, im Namen des Weltklimas! Nicht ein Genozid ist Gegenstand der Fantasie, sondern ein Antropo-Suizid, der notwendig, unausweichlich und vor allem: zutiefst verdient ist.
