Das Volk ist zurück

Lange galt der Volksbegriff als obsolet. Jetzt spukt er wieder in den Köpfen der vermeintlich Liberalen. Und das in seiner gefährlichsten Form: als Volksverräter und Volksschädling.

Der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck wurde 2018 in einem Interview gefragt, was ihm spontan zum Begriff „Volksverräter“ einfalle. Antwort: „Das ist ein Nazibegriff. Es gibt kein Volk, und es gibt deswegen auch keinen Verrat am Volk. Das ist ein böser Satz, um Menschen auszugrenzen und zu stigmatisieren.“ Viele werden Habeck in einem spontanen Reflex beipflichten, denn die Nazis haben den Volksbegriff in der Tat in seiner denkbar menschenfeindlichsten Form instrumentalisiert. Ein Volk, ein Reich, ein Führer war die Losung, und der Kampf um die Volksgesundheit entsprang dem mörderischen Wahn von der Reinheit der germanischen Rasse.

Umso erstaunlicher ist, dass das Volk im Denken von Habecks grüner Parteikollegin Annalena Bearbock plötzlich wieder auftaucht, wenn sie die Gefahr von „Volksaufständen“ gegen die Energiepolitik der Ampelkoalition an die Wand malt. Diese erstaunliche Diskrepanz unter Menschen gleicher Gesinnung, hier die Verteuflung des Begriffs, dort die Bereitschaft, ihn emphatisch zu verwenden, ist bezeichnend. Er liegt im Wesen des Wortes verankert. Kaum ein Begriff ist so mit Geschichte, Emotion und Ethos getränkt wie der des Volkes.

Das Wort ist ein über tausend Jahre altes deutsches Wort. Es geht zurück auf das althochdeutsche Volc, was Haufe oder Kriegsschar bedeutet. Das Wort stand also von Anfang im Kontext von Ausnahmesituation und Gewaltbereitschaft. Wer vom Volk spricht, tut es meist mit großer Geste, beim Volk geht es immer um viel, nicht selten um alles oder nichts. So ist es auch kein Zufall, dass die ewigen Untertanen sich in dem Moment in das Volk verwandeln, als die Aufklärung sich daran macht, die jahrhundertelange Herrschaft von Adel und Klerus zu durchbrechen. Volkssouveränität war das Zauberwort der Stunde, das bis heute nichts von seinem Nimbus verloren hat. Wenn das deutsche Verfassungsgericht ein Urteil fällt, dann ergeht es immer noch „im Namen des Volkes“ – ein säkularisiertes Pendant zur Formel „im Namen Gottes“. Wenn einem österreichischen Bürger Unrecht geschieht und er keine Möglichkeit mehr sieht, sich Gehör zu verschaffen, dann wendet er sich an die Volksanwaltschaft. Und wenn alle Stricke reißen, dann initiiert man eine Volksabstimmung. „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus“, heißt es in der Verfassung, das Pendant im deutschen Grundgesetz lautet: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Damit zog man die Lehren aus den Erfahrungen der NS-Zeit, das Recht sollte fortan unverbrüchlich im Volk verankert sein. Mehr Paradoxie kann ein Wort nicht in sich bergen. Denn in der Argumentation Robert Habecks soll doch gerade die NS-Zeit den Volksbegriff obsolet gemacht haben. Dieses Paradox führt zu einer wirkmächtigen Gleichzeitigkeit von Abwehr und Allgegenwart. Auf der einen Seite begegnet uns das Volk sprachlich in allen möglichen Varianten und Zusammensetzungen, auf der anderen Seite sollte man es besser gar nicht im Munde führen. So hat man etwa versucht, sich mit dem Verlegenheitsbegriff Bevölkerung aus der Affäre zu ziehen. Aber so wie die Verankerung nicht das Gleiche ist wie der Anker, eine Bevormundung nicht das Gleiche wie ein Vormund, so birgt das Wort Volk einen Assoziations- und Bedeutungsreichtum, vor dem die Bevölkerung nur verblassen kann. In einem Moment von welthistorischer Bedeutung, beim Fall der Berliner Mauer, hieß die Losung: „Wir sind das Volk!“ Unvorstellbar, dass die Menschen „Wir sind die Bevölkerung!“ skandiert hätten. Das Volk ist offenbar nicht kleinzukriegen, es hat zu viele Spuren in unserem inneren Kosmos von Zugehörigkeit, Demokratie und Widerstand hinterlassen.

Auch der Duden macht einen Bogen um das aufgeladene Wortfeld und definiert das Volk betont sachlich als „durch gemeinsame Kultur, Geschichte und Sprache verbundene große Gemeinschaft von Menschen“. Dieser Volksbegriff hat im 18. und 19. Jahrhundert zu einer regen Beschäftigung der Völker mit sich selbst geführt. Was wurden da für Schätze geborgen und erkundet: vom Volksmärchen bis zur Volksmusik, von der Volkssprache bis zur Volksbühne. Und es waren keineswegs nur rechte und reaktionäre Kräfte, die sich auf das Volk besannen. In Österreich trug eine linke Tageszeitung stolz den Titel Volksstimme, und die Volkshochschule war ein emanzipatorisches Bildungskonzept für die weniger Privilegierten. Völker, hört die Signale! ist ein alter Kampfruf der Linken. Leider gerät die internationale Perspektive im Plural Völker allzu leicht in Vergessenheit, sobald es um die Besinnung auf das eigene Volk geht. Wenn ein Volk zu intensiv Nabelschau betreibt, dann läuft es Gefahr, sich für den Nabel der Welt zu halten, bis hin zu der völkischen Überhöhung: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Auch hier herrscht wieder eine bemerkenswerte Zwiespältigkeit: Auf der einen Seite hält man die Hervorbringungen des eigenen Volkes für einen Schatz, den man nur noch bergen muss, auf der anderen Seite ist man stets auf der Hut, das Kostbare als gefährdet zu sehen. Das Volk ist ein zutiefst ambivalenter Begriff, er dient ebenso zur Beschwörung des inneren Zusammenhalts wie zur Abwehr der vermeintlich Fremden. Auf diesem heiklen emotionalen Feld bewegt man sich unweigerlich, wenn das Wort fällt.

Dieser Zwiespalt wird nirgend deutlicher als in Zeiten des Wandels, der Krise und des Umbruchs. Zurzeit befinden uns zweifellos in einer Phase multipler Krisen. Klimawandel, Pandemie, Ukrainekrieg, der Aufstieg rechter Parteien stellen die Menschen vor Bewährungsproben. So nimmt es nicht Wunder, dass das Volk wieder in den Köpfen der Menschen herumspukt. In Österreich wäre beinahe ein Politiker Bundeskanzler geworden, der sich selbst Volkskanzler nennt. Seine Partei gibt vor, ein Gespür für das Volksempfinden zu haben, das natürlich ein gesundes ist und darum für alle verbindlich sein sollte. Volksnah will man sein, und wo Volksnähe herrscht, muss es auch eine Volksferne geben. Sie grassiert aus Sicht der Volksfreunde unter den lauernden Volksfeinden, den Eliten, der EU, den Globalisten. Und schon kursieren in der Öffentlichkeit wieder die aggressivsten und widerlichsten Begriffsvarianten im Repertoire der völkischen Gesinnung: der Volksverräter und der Volksschädling.

Das Erstaunliche ist allerdings, dass diese gefährlichen Kampfbegriffe nicht nur von den Anhängern des selbsternannten Volkskanzlers in die Arena geworfen werden, sondern ausgerechnet von den progressivsten Fackelträgern der Modernität und Liberalität. Als die heutige Außenministerin Beate Meinl-Reisinger im ORF-Sommergespräch auf die Kritik der Opposition an den Russland-Sanktionen angesprochen wird, antwortet sie: „Die willfährigen Putin-Gehilfen, in Europa die Rechtsradikalen, in Österreich halt die FPÖ, ich höre es auch von den Impfgegnern, das sind ja Volksverräter.“ Warum verwendet Meinl-Reisinger hier ein Wort, das Habeck für einen Nazibegriff hält? Offenbar findet sie in ihrer exaltierten Empörung keine Begriffe mehr, die aus ihrem gewohnten Sprach- und Denkhorizont erwachsen. Als Meinl-Reisinger kurz darauf in einem Interview auf ihre begriffliche Entgleisung angesprochen wird, behauptet sie: „Ich würde niemals im Leben einen Menschen Volksverräter nennen!“ Gut möglich, dass sie das in diesem Moment tatsächlich geglaubt hat, weil sie bei der Verwendung des Wortes unbewusst in die Untiefen einer hoch aufgeladenen Sprachschicht eingetaucht ist. Nur so konnte sich ihre Empörung mit der Wucht verbinden, die die Jahrhunderte in dem Wort abgelagert hatten. Denn in einer Welt, in der das Wort mit Bedacht und Absicht gewählt wird, sind Kerker und Standrecht nicht weit. Selten hat man die Macht der Sprache über die Sprecher so lebendig am Werk gesehen.

Eine noch ungeheuerlichere Entgleisung im Namen des Volkes hat sich „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher geleistet. Nach dem Scheitern der Koalitionsverhandlungen schreibt er in seinem Blog, dass Österreich dabei sei, mit Herbert Kickl „einen Volksschädling an die Macht zu bringen“. Um Kickl so nennen zu können, begibt Thurnher sich auf ein Feld, das nicht weniger symbolkräftig aufgeladen ist wie das Volk selbst: die Volksgesundheit. Kickl sei deshalb ein Volksschädling, „weil er Krankheit und Tod in Kauf nahm, indem er über die Wirkung von Impfungen log“. Welche Lügen hier konkret gemeint sind, lässt Thurnher offen.

Schauen wir uns seine Wortwahl genauer an. Ein Schädling ist jemand oder besser etwas, das man aus gutem Grund mit Schädlingsbekämpfungsmitteln ausmerzt. Ihren Vernichtungskampf gegen Juden und psychisch Kranke, gegen Sinti und Roma und behinderte Menschen haben die Nazis stets als ein Ringen um die Volksgesundheit propagiert, aus Notwehr und Sorge um einen gesunden Volkskörper. Der Volksschädling sollte keine Metapher bleiben, in NS-Propagandafilmen wurden die Juden mit einer Rattenplage gleichgesetzt. Dass es sich bei Thurnhers Volksschädling um einen offenkundigen Nazi-Begriff handelt, ist auch der „Falter“-Redaktion nicht verborgen geblieben, wie Thurnher selbst in seinem nachfolgenden Blog freimütig bekennt. Das ficht ihn aber nicht an, denn er habe schließlich gute Gründe für seine Wortwahl: „Ich neige manchmal dazu, unter mein Niveau zu gehen, wenn ich wenigstens sprachlich Notwehr ausübe. Darf daran erinnern, dass in bestimmten Situationen, zum Schutz von nahen Personen oder des eigenen Lebens, Gewalt durchaus angemessen und erlaubt ist.“ Hier ist sie wieder, die Notwehr zum Schutz von Leib und Leben, die zu allem ermächtigt, sogar zur Gewalt.

Bleibt die Frage: Wenn Thurnher seine verbale Gewalt als berechtigte Notwehr legitimiert sieht, warum glaubt er dann, er unterschreite sein Niveau bei seiner Wortwahl? Und warum landet er ausgerechnet bei einem Nazi-Begriff, sobald er seine Kinderstube vergisst? Ist die Verwendung von NS-Sprache nicht eher eine Frage der Gesinnung als eine der Gesittung? Würde man einem Menschen, der einen mit „Heil Hitler“ begrüßt, etwa antworten: „Na, du hast Manieren!“ Warum geraten hier plötzlich alle sprachlogischen Kategorien durcheinander? Was passiert hier?

Im Gegensatz zu Thurnher hat Meinl-Reisinger ihre Wortwahl am Ende doch noch bedauert und gemeint: „Wenn man mit Ungeheuern kämpft, sollte man aufpassen, nicht selbst eins zu werden.“ So begrüßenswert das Eingeständnis ist, das ihr das eigene Reden nicht mehr geheuer ist: Sie sollte aber bedenken, dass nicht nur der Kampf gegen Ungeheuer zur Wahl von ungeheuren Mitteln verführt, sondern dass ein ungeheures Wort einen Menschen erst zum Ungeheuer machen kann. Selten ist das so brutal exerziert worden wie in Turnhers Entgleisung: Einem Ungeheuer darf man, ja muss man mit einer Ungeheuerlichkeit begegnen. Die Aggression der Bildwelt aus Notwehr, Schädlingsbekämpfung und Recht auf Gewalt ist kaum mehr zu überbieten. Man male sich einmal aus, wie das „Falter“-Milieu reagiert hätte, wenn der Volkskanzler einen Journalisten im Namen der Volksgesundheit als Volksschädling bezeichnet hätte. Im Gegensatz zu Meinl-Reisinger verwendet Thurnher seinen Nazi-Begriff bewusst als Waffe. Hier drängt sich das vielbeschworene Bild der „Nazi-Keule“ geradezu auf. Ein interessanter Wandel: War bislang die „Nazi-Keule“ die Wahl der Waffe mit der größtmöglichen Wirkung, so ist man jetzt einen Schritt weiter. Keiner keult besser als ein Nazi, man muss ihn nur noch imitieren. Selten bekommt man derart drastisch das Schauspiel geboten, wie eine Keule beim enthemmten Gefuchtel auf dem eigenen Kopf landen kann.

Wenn ein Wort sich derart für Irrungen und Wirrungen eignet, für das unbewusste Abgleiten in die eigenen Untiefen ebenso wie für das bewusste Kokettieren mit der eigenen Brutalität, dann muss es sich beim Volk um ein besonderes Wort handeln. Schon erstaunlich, wie viel Gehalt und Abgrund, wie viel Wertvolles und Zerstörerisches in vier Buchstaben liegen können. Die Spannung, die aus der Gleichzeitigkeit von unreflektierter Verteuflung und empathischer Verwendung liegt, hat dem Wort ein explosives Potenzial verliehen. Es war nur eine Frage der Zeit und der Gelegenheit, bis uns die Worttrümmer um die Ohren fliegen. Niemand, der den Begriff verwendet, kann sich seinem Eigenleben entziehen. Das macht die Faszination von Sprache aus – und birgt zugleich die Gefahr, wenn man sich wie Meinl-Reisinger einem großen Wort gedankenlos hingibt oder wenn man es – wie Thurnher – verwahrlost benutzt.