Der ökologische Fußbdruck

Er ist zum Sinnbild für Unweltzerstörung geworden: der ökologische Fußabdruck. Dabei ist er eigentlich ein falsches Bild. Über die steile Karriere einer schiefen Metapher.

Als Robinson Crusoe nach Jahren auf seiner einsamen Insel plötzlich menschliche Fußspuren am Strand entdeckte, stockte ihm der Atem. Er konnte es zunächst kaum glauben und setzte seinen eigenen Fuß neben die Spur, um zu prüfen, ob er nicht einer buchstäblichen Selbsttäuschung erliege. Doch der entdeckte Abdruck hatte eine andere Forum und Größe als der seine. Kein Zweifel, Robinson war nicht mehr allein auf seiner Insel.

Er hatte die Existenz eines anderen Menschen nicht etwa an der Asche eines erloschenen Feuers oder an den Resten einer Mahlzeit erkannt, sondern an einem Abdruck, der durch das bloße Gewicht eines Körpers verursacht worden war. Der Beweis für das Dasein des anderen beruhte also nicht auf den Folgen einer Tätigkeit, sondern auf dem Zusammenspiel von Körpergewicht, Schwerkraft und weichem Grund. Dabei hatte auch der Zufall seine Hand im Spiel, denn eine Welle oder eine Windbö hätte die Spuren leicht verwischen können. Doch es war windstill und die See war ruhig.

Die Fußspur, vielmehr der Fußabdruck, hat in jüngster Zeit eine besondere Bedeutung erlangt. Zwar deutet er nicht mehr auf die Existenz eines Menschen namens Freitag, doch für die Aktivisten der „Fridays for Future“ ist er eine Maßeinheit, nicht für die Hoffnung auf Gesellschaft, sondern für die Furcht vor der Katastrophe. Der ökologische Fußabdruck steht für alles, was der Mensch dem Planeten antut. Sobald man mit dem Flugzeug fliegt, mit dem Auto fährt, Waren konsumiert oder eine Serie streamt, leistet man einen Beitrag zur Produktion von CO2 – und damit zum Klimawandel. Der ökologische Fußabdruck ist eine Metapher für die toxische Last, die der Mensch der Welt zumutet. Und er wächst von Jahr zu Jahr.

Dabei ist der ökologsiche Fußabdruck eigentlich eine schiefe Metapher. Denn der Mensch schadet dem Klima ja nicht dadurch, dass er schreitet oder nur so dasteht und mit seiner bloßen körperlichen Existenz Spuren hinterlässt. Es sei denn, man legt ihm die Blähungen zur Last, die er gelegentlich unweigerlich produziert. Aber da kommen wohl eher die gigantischen Rinderherden in Betracht, die für die Massenproduktion von Fleisch nötig sind. Aber selbst diese Rinder richten den Schaden nicht durch eine Tätigkeit wie Verbiss oder Verwüstung an, sondern durch eine Verdauungsleistung, ohne die sie gar nicht existieren könnten. Nicht ihr Tun und Trampeln ist das Problem, sondern ihr bloßes vegetatives Dasein.

Wenn wir jedoch vom ökologischen Fußabdruck reden, meinen wir eben nicht die Spur, die der Mensch durch bloßes Stehen, Gehen oder Vegetieren hinterlässt wie einst Freitag auf Robinsons Insel, sondern wir denken an das, was er an Schädlichem anrichtet und besser nicht tun sollte.

Es ist wohl auch kein Zufall, dass wir von einem ökologischen Fußabdruck sprechen, und nicht von einer ökologischen Fußspur. Die Spur würde allenfalls noch Assoziationen des Flüchtigen und des möglichen Verwischens oder Verwehens wecken. Ein Abdruck indes ist das, was wir durch unsere gewichtige Präsenz in die Oberfläche hineinpressen. In diesem Bild fallen wir der Erde durch unsere bloße körperliche Existenz zur Last. Offenbar können wir uns gar keine Daseinsform mehr vorstellen, in der der Mensch etwas andres tut als atmen, sinnieren oder in der Sonne sitzen.

Der ökologische Fußabdruck setzt außerdem das Bild eines Untergrunds voraus, der gleichsam auf der Stelle versteinert, sobald der Mensch ihn betritt. Denn sonst könnten wir die Spur schon bald nicht mehr wahrnehmen. Die Möglichkeit des Verschwindens und Vergehens ist vertan, kein Wind, keine Welle kann die Spur mehr verwischen. Es herrscht ständig Wind- und Meeresstille. Aber es ist keine wohltuende Ruhe, es ist die Ruhe vor dem Sturm, der Vorbote der menschengemachten Extremwettereignisse. Wir sind im Grunde zu Wesen geworden, die unentwegt Fossilien der Schande für die Nachwelt produzieren. Wir können gar nicht anders.

Dass die Metapher vom ökologischen Fußabdruck nicht die Folgen unseres Tuns, sondern unseres bloßen Daseins ins Bild setzt, hat Spuren in den Köpfen der Umweltbewegung hinterlassen. Eine Reihe von Mitgliedern der „Last Generation“ nimmt ihren Namen bereits wörtlich, indem sie beschließen, keine Kinder mehr in die Welt zu setzen. Wobei offen bleibt, ob sie mit dem Verzicht ihrem potenziellen Nachwuchs die künftige Klimahölle ersparen wollen oder ob sie Kinder prinzipiell ablehnen, weil die ja zwangsläufig wiederum zu Produzenten von ständig wachsenden Fußabdrücken werden. Denn ein Mensch kann tun und lassen, was er will – eine Spur in der Welt hinterlassen wird er auf jeden Fall.

Es bleibt die Frage, wie eine so offensichtlich schiefe Metapher eine derart steile Karriere machen konnte. Vielleicht sind das Schiefe der Metapher und das Steile der Karriere ja nur zwei Seiten einer Medaille. Wenn eine Ebene in eine Schieflage gerät, dann ragt die eine Seite steil empor und die andere Seite neigt sich ebenso steil herab. Im Bild des ökologischen Fußabdrucks ist uns das Schuldgefühl gegenüber der Natur so steil über den Kopf gewachsen, dass die Möglichkeit der Reue und Umkehr bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft ist. Daraus ist ein lähmender Fatalismus entstanden, der verhindert, dass wir unsere Konsum- und Mobilitätsgewohnheiten grundlegend ändern.