In einer Folge von „Ok, America“, einem Podcast der Wochenzeitung „Die Zeit“, reden die Auslandskorrespondenten Rieke Havertz und Michael Thumann miteinander. Das Thema sind die politischen Verhältnisse in Russland. Thumann schildert, wie Putin sein Land in eine Autokratie verwandelt hat, nicht zuletzt dadurch, dass er begonnen habe, „die Gouverneure zu enteiern“. Rieke Havertz greift das Sprachbild ihres Kollegen auf: „Du hast gerade das schöne Wort, er hat sie enteiert, benutzt. Ich finde es schön, dass wir es on the record haben.“
Enteiern ist die Umkehrform der Redensart „Eier haben“, die seit einigen Jahren selbst in intellektuellen Kreisen kursiert. Der Duden definiert sie so: „derb: stark und mutig sein, sich durchsetzen können“. Warum verwenden zwei Redakteure einer Wochenzeitung mit hohem Bildungsanspruch eine Metapher aus der sexualisierten Vulgärsprache, um den Machtverlust von Politikern zu bezeichnen? Und warum empfindet eine Redakteurin die derbe Wendung als „schönes Wort“?
Das Erstaunliche ist der Milieutransfer, den die Metapher durchlaufen hat. Ich kannte sie bis vor Kurzem vor allem aus Gangsterfilmen und Szenen wie diesen: Ein Mann blickt verächtlich in den Lauf einer geladenen Waffe und verhöhnt mit vulgären Worten sein Gegenüber, woraufhin der mit der Pistole sagt: „Eins muss man dir lassen, Eier hast du!“
Doch die Eier sind längst aus dem Gangsterfilm herausgekullert, sie haben sich ins intellektuelle Milieu von Funk und Fernsehen eingenistet. Dass hier gebildete Menschen am Wortwerk sind, erkennt man daran, dass sie die Metapher gelegentlich ins Fremdsprachliche überführen. „Der hat Cochones“, heißt es dann. Offenbar sind spanische Männer der Inbegriff der stolzen Eierträger.
Hier drängt sich naturgemäß die Frage auf: Was hat denn eigentlich eine Frau, wenn sie Mut beweist? Zwar werden inzwischen gelegentlich auch durchsetzungsfähigen Damen Eier attestiert, doch man spürt sogleich die unfreiwillige Ironie, die in einer solchen Auszeichnung steckt. Sie pervertiert den zugrunde liegenden Bildsinn. Nicht selten folgt denn auch der Zusatz: „Die hat mehr Eier als die ganzen Gockel um sie herum.“ Womit wieder der Bezug zum Männlichen hergestellt ist. Einst hatte eine dominante Frau die Hosen an, aber ein Kleidungsstück lässt sich wechseln, ein Geschlechtteil eher nicht. Man versuche einmal, die Courage einer Frau sprachlich an ihren primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen festzumachen. Und das in derber Form.
Niemand kann sich, Hand aufs Herz, der zutiefst maskulinen Quelle der Metapher entziehen. Wer beweist, dass er Cochones hat, stolziert sichtbar in der Arena des Mannes. Einer Frau Eier zu attestieren heißt, sie bildlich in die Sphäre des Mannes zu zwingen. Sie wird buchstäblich vermännlicht. Ja, mehr noch: Die Metapher macht die Tugend des Mutes zu einer exklusiven Angelegenheit des Mannes.
Bleibt die Frage, was das Aufblühen der Metapher bedeutet. Als regelmäßiger Hörer des „Okay, America“-Podcast weiß ich, dass die Redakteurin Rieke Harvertz ein zutiefst woker und politisch korrekter Mensch ist, sie gendert gewissenhaft, gleitet nie ins Sexistische ab und verachtet aus tiefster Seele einen Mann wie Donald Trump, der damit prahlt, Frauen jederzeit an die Pussy grabben zu können. Und doch empfindet Harvertz die vulgäre und sexistische Metapher der Enteierung als „schönes Wort“. Die Redakteurin gibt sich hier spürbar cooler und lässiger, als sie ist. Was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass sie froh ist, das schöne Wort nicht etwa auf der Aufnahme, sondern on the record zu haben. Mehr Coolness geht kaum. Es wirkt, als würde sich hier ein Ventil auftun, das die seltene Gelegenheit bietet, etwas rauszulassen, was ansonsten tabu ist. Es liegt etwas Pubertäres in diesem Sprachgebrauch, ein kleiner, koketter Ausbruch aus dem allzeit beflissenen Imperativ des Redakteur-Innen-Alltags. Nichts kratzt derart mit unbewusster Vehemenz an der Kruste des Verkrampften wie die Unberechenbarkeit des Sexuellen.
Die Enteierung ist die Entsprechung eines veralteten Wortes: Entmannung. Im Grunde evoziert die Metapher eine Sprachschicht der Vergangenheit, in der es noch Manneskraft und Mannesmut gab. Wo mutig und mannhaft noch ein und dasselbe bedeuteten und wo man einen Feigling aufforderte, sich endlich zu ermannen. Hier wird eine Welt heraufbeschworen, in der Frauen sich seufzend in starke Männerarme sinken ließen und Riechsalz brauchten, sobald die Kugeln flogen.
Einen ähnlichen Rückfall in diese vergangene Sprachsphäre leistete sich auch der Moderator eines anderen „Zeit“-Podcasts („Das Politikteil“): Heinrich Wefing. Auch er ist kaum weniger woke und fortschrittlich als seine Kollegin Harvertz. Doch in einer Folge mit dem Titel „Für Deutschland sterben“ antwortet er auf die Frage, ob er seinen Militärdienst geleistet habe: „Ja, ich habe gedient.“ In früheren, weniger kriegerisch gesinnten Zeiten, hätte man geantwortet: „Ja, ich war bei der Bundeswehr.“ Nicht so Wefing, er hat gedient. Das evoziert ein Wortfeld aus bedingungsloser Vaterlandstreue und militärischem Untertanengeist, das im Kontext der „Zeit“ befremdlich wirkt. Wenn in dieser antiquierten Tugendwelt eine Frau Mut bewies, dann am ehesten dadurch, dass sie jeder Gefahr trotzte, um sich schützend vor ihre Kinder zu stellen. Der Mut des gestandenen und gedienten Mannes hingegen bewährte sich im Duell oder auf dem Schlachtfeld.
Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass die Eier-haben-Metapher gerade jetzt aufblüht, in einer Zeit der Aufrüstung und der ständig beschworenen Kriegsgefahr. Der deutsche Verteidigungsminister will längst nicht mehr verteidigungsfähig sein, sondern kriegstüchtig. Zwar kann man in Deutschland inzwischen behördlich einmal pro Jahr sein Geschlecht wechseln, doch in einem Moment, wo echt Eier gefragt sind, im militärischen Ernstfall nämlich, hört sich der Spaß auf und das Gendern ist Geschichte. Im Spannungs- oder Verteidigungsfall ist ein kurzristiger Geschlechtswechsel explizit nicht mehr möglich. Da ist ein Mann wieder ein Mann.
Womöglich werden wir in gar nicht ferner Zukunft wieder jenen Mut brauchen, sich entschlossen vor die Kinder zu stellen, sobald deren Einberufung aufs Schlachtfeld droht. Es ist ein Mut, der weder weiblich noch männlich ist, sondern zutiefst menschlich.
