Feierlich schreiten, Teil 1

Über zwei aussterbende Wörter rund um das Feiern und das Festliche.

Meine erste kindliche Begegnung mit der großen Bühne hatte ich als Ministrant. Obwohl unsere Pfarrkirche in der tiefsten rheinischen Provinz lag, hatte unser Dorfpfarrer durchaus seine ästhetischen Ansprüche an uns Messdiener. Vor allem wenn es um die Einübung der zeremoniellen Handlungen ging. Vor Prozessionen, Beerdigungen und hohen Festtagen ließ er uns gern zu einer Übung antreten, die er „Schöner Schreiten“ nannte. Jeder von uns musste dann unter seiner strengen Observanz mit gemessenen Schritten einmal den ganzen Altarraum durchqueren. Was er mit Kommentaren versah wie: „Schreiten, nicht Schlendern!“ oder „Vor dem Herrn wird weder gehetzt noch geschlurft!“

Der Höhepunkt der Übungsstunde war einmal die Darbietung eines Kollegen, der sich bei den Schreit-Übungen in den hintersten Winkel der Sakristei verkroch. Doch er konnte sich nicht hinter uns anderen verstecken, denn er überragte uns um mehrere Haupteslängen. Er war nämlich innerhalb eines Jahres ohne jede Gewichtszunahme um zwanzig Zentimeter gewachsen und fühlte sich deswegen extrem unwohl in seiner Haut. „Und jetzt du!“, hieß es irgendwann unweigerlich, als der Pastor auch ihn auf den Parcours schickte. Der Pfarrer postierte sich in den Rahmen der Sakristeitür, legte mit Kennermiene den Kopf schräg und schrie: „Maria und Joseph, du schreitest wie ein Schimpanse!“

Jetzt waren wir anderen natürlich neugierig und spähten dem Pastor über die Schulter. Wir sahen den armen Riesen, wie er mit leuchtend rotem Antlitz versuchte, seine stattliche Größe so gut wie möglich zu kaschieren. Er ging, wie er immer ging, seit er in den Himmel geschossen war: gebückt, mit hängenden Schultern, gekrümmtem Rücken und eingeknickten Knien. Der Preis für sein Schrumpfen war, dass sein Körper unwillkürlich in eine schunkelnde Bewegung geriet, während seine endlos lange Arme hin und pendelten.

Wir lernten damals: Schlaksiges Schwingen passt ebenso wenig zum Schreiten wie ein unsicher zusammengedrückter Körper. Wer schreitet, nimmt eine entspannte, selbstgewisse Haltung an. Damit unterscheidet sich das Schreiten auch grundlegend vom Marschieren. Beim Marsch verdankt sich die stramme Haltung einem äußeren Drill, das Schreiten hingegen bezieht die sanfte Erhebung des Körpers aus einer geistigen Aufrichtung des Inneren.

Da ich seit Jahrzehnten keine Gottesdienste mehr besuche, frage ich mich nun: Wann bin ich eigentlich das letzte Mal bewusst geschritten? Wann habe ich seither eine Wegstrecke gemessenen Schrittes in ruhiger Hochgestimmtheit zurückgelegt? Spontan fällt mir da nichts ein. Das Schreiten ist offenbar aus der Mode gekommen, die Tätigkeit ebenso wie das Wort. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil man dazu als inneres Pendant eine Gestimmtheit braucht, die sprachlich ebenfalls Patina angesetzt hat: das Feierliche. Wem feierlich zumute ist, der kennt weder Hast noch Lässigkeit. Wenn dieser Zustand sich in Bewegung ausdrückt, dann gerät man unweigerlich ins Schreiten.

Der kometenhafte Aufstieg der Wörter Schreiten und Feierlich begann, wenig überraschend, im Zeitalter des Barock, der Blütezeit der geistlichen und weltlichen Feste. Noch heute findet man Unmengen von Konzerten oder CDs mit dem Titel „Festliche Barockmusik“. Das Fest ist, als glamouröse Verwandte der Feier, ebenfalls ein Shootingstar der Barockzeit. Das Festliche betrifft aber eher das Äußere, man kann festlich geschmückt und gekleidet sein. Das Feierliche indes spielt sich im Inneren ab, auch wenn es sich im Außen sichtbar widerspiegelt. Wer sich einmal in wunderbar entrückte feierliche Stimmung versetzen möchte, der lausche nur Bachs Weihnachtsoratorium. Nie wurde in der Menschheitsgeschichte schöner und inniger das Feierliche zelebriert – und nirgends so formvollendet musikalisch geschritten.

Kinder haben meist einen ausgeprägten Sinn fürs Feierliche. Vielleicht hat so mancher beim Anblick eines geschmückten Christbaums eine von weit her kommende Erinnerung ans Feierliche, auch wenn ihm das Wort inzwischen fremd geworden sein mag. Zur Bescherung sind wir als Kinder jedenfalls immer geschritten, obwohl uns längst nach Rennen zumute war.

In diesem Sinne wünsche ich: Feierliche Festtage!