Im Beitrag von letzter Woche haben wir gesehen, dass die Wörter feierlich und schreiten in der Barockzeit ihre steile Karriere begonnen haben. Schaut man sich ihre Laubahn bis in die Gegenwart an, macht man eine interessante Entdeckung. Während das Wort Feier laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts einen steilen Aufstieg in der Zeitungssprache erfährt, erleben das Feierliche ebenso wie das Schreiten im gleichen Zeitraum einen dramatischen Abstieg. Es scheint, als würden wir immer mehr feiern und uns immer seltener feierlich fühlen. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, heißt es. Man muss! Klingt das etwa feierlich?
Am einem Feiertag ist man nicht frei, man hat frei. Wer hätte je feierliche Gefühle verspürt bei der plötzlichen Einsicht: Wow, heut ist ja Mariä Empfängnis? Wem wäre auf einer Abiturfeier, einer Geburtstagsfeier oder einer betrieblichen Weihnachtsfeier je feierlich zumute gewesen? Oder gar beim ersten Bier nach Feierabend? Vielleicht noch am ehesten bei einer Hochzeitsfeier, aber auch da wird nur noch selten zum Altar geschritten. Irgendwann war das Feiern so allgegenwärtig, dass man dafür flotte Wörter aus dem Ausland importiert hat: die Fete und die Party. Doch selbst der glühendste Partylöwe würde eine Partystimmung wohl kaum als feierlich bezeichnen.
Noch ein interessantes Detail: Die Wörter feiern und Feier erleben laut DWDS im letzten Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende in vielen offiziellen Textsorten noch einmal einen rasanten Ausschlag nach oben, um wenige Jahre darauf ebenso rasant wieder abzusteigen. Hier manifestiert sich sprachlich die Gefühlslage rund um die deutsche Wiedervereinigung: zunächst Freude und Hoffnung, dann Ernüchterung. Vielleicht gab es nach dem Mauerfall bei der ersten Feier zur deutschen Einheit noch am ehesten so etwas wie feierliche Gestimmtheit. Aber in einer Häufung des Wortes feierlich hat sich das interessanterweise nicht niedergeschlagen. Offenbar ist die Sprache zögerlich, sobald sie einem Wort einen besonderen Nimbus verliehen hat. Womöglich spiegelt sich hier ja auch die Tatsache wider, dass das geeinte Deutschland lange Zeit halbwegs immun geblieben ist gegenüber dem feierlichen Pomp und Pathos des Nationalismus.
Emphatisch aufgeladene Wörter locken oft fragwürdige Sprachverwandte an. So wie die Rührung Gefahr läuft, ins Rührselige zu kippen, so ist beim Feierlichen bisweilen der Schritt ins Salbungs-, Hoheits- und Weihevolle nicht weit. Auch beim royalistischen Ritual wird ja betont majestätisch geschritten. Feierliche Verehrung, sebst wenn sie ruhig und bedächtig gezollt wird, ist immer gefährdet, von der herrschenden Macht missbraucht zu werden.
Wenn ein Wort aus dem lebendigen Sprachgebrauch verschwindet, hinterlässt es immer eine Lücke. Die Wörter, die es dann ersetzen, decken oft nur dürftig den Bedeutungs- und Assoziationsreichtum des versunkenen Vorgängers ab. Nicht selten ist gar kein Ersatz nötig, weil der Anlass der Verwendung mit dem Wort verschwunden ist. Wie steht es in dieser Frage nun um das Feierliche? Gibt es in unserer Gegenwart noch feierliche Momente? Und wenn ja, welches Wort verwenden wir dann dafür? Denn auch wenn die praktizierte Religion im Leben der meisten Menschen heute kaum noch eine vitale Rolle spielt, so ist doch das Bedürfnis nach jener Gehobenheit, die wir früher feierlich nannten, sicherlich noch vorhanden. Schließlich verleiht es der menschlichen Existenz eine innere Fülle, deren völliges Verschwinden ein arger Verlust wäre.
Wo also gibt es noch feierliche Momente? Wie steht es etwa um die Besucher eines Taylor-Swift-Konzerts, die zu Zehntausenden ihre Handy-Taschenlampen schwenken und die Songs so innig mitsingen können, dass der Star auf der Bühne gerührt verstummt? Wie fühlen sie sich? Zweifellos gehoben, enthusiasmiert, selig, manche geradezu religiös verzückt. Und doch würde man ihren Zustand nicht feierlich nennen. Zwar feiern die Fans ihr Idol, sie feiern den Moment, das kollektive Glückserlebnis. Aber sie feiern immer auch ein wenig sich selbst, das unverschämte Glück, dass gerade sie zu den Auserwählten gehören. Jeder kennt das, der einmal ein beglückendes Popkonzert erlebt hat. So entrückt man seinem eigenen Selbst in diesem Augenblick auch sein mag, es schwingt doch am Ende immer ein Selfie-Moment mit. Das Internet ist überflutet mit Abermillionen solcher Fotos, die alle möglichen Zustände ausdrücken, nur keine feierlichen. Zu viel Selbst ist dem Feierlichen offenbar abträglich. Den beglückten Fans ist denn auch nach allerlei Art von Bewegung zumute, sie tanzen, sie wiegen sich in Hüften und Schultern, sie recken die Arme empor, umarmen überschwänglich ihre Nächsten, aber eines würden sie nie tun: still schreiten.
Es ist ein faszinierendes Phänomen, dass gewisse Wörter zu verschwinden beginnen, während sie in Ableitungen und Zusammensetzungen fortleben und dabei emotionale Felder abdecken, die gänzlich anders geartet zu sein scheinen. So ist zwar das Schreiten vom Aussterben bedroht, aber man schreitet immer noch zur Tat, manchmal gar zum Äußersten. Auch wenn diese energischen Handlungen scheinbar gar nichts mehr mit dem bedächtigen Schreiten zu tun haben, so verweisen sie doch zugleich auf die innere Sammlung und Konzentration, die jede Form von Schreiten begleitet. Es sei denn, man überschreitet jedes Maß, dann kommt es gelegentlich sogar zu Ausschreitungen.
Auf einem Feld feiert das ursprüngliche Wort Schreiten aber bis heute ein Nachleben: in den Gefilden der Mode. Das passt schon, schließlich waren wir Ministranten beim Schreiten auch festlich gekleidet. Heute schreiten die Models auf dem Laufsteg und praktizieren den sogenannten Catwalk, jenen ganz speziellen Gang, den wirklich nur Models praktizieren. Einer Katze traut man offenbar das Schreiten eher zu als einem Schimpansen. Zu Recht? Also wenn ich sehe, wie die dünnen Damen energisch staksen und athletisch ausschreiten und wie sie dann am Ende des Laufstegs stets zum Äußersten schreiten und mit zurückgeworfenen Schultern unsagbar blasiert ins Leere starren, dann möchte ich ihnen am liebsten zurufen: Das ist jetzt nun wirklich nicht mehr feierlich!
