Heute möchte ich mir Gedanken über den Pazifismus machen. Genauer gesagt über zwei völlig neuartige Spielarten dieses Begriffs: den Vulgärpazifismus und den Lumpenpazifismus. Doch bevor ich mir anschaue, wie das große Wort derart auf den Hund kommen konnte, einige persönliche Gedanken zu dem Begriff.
Das erste Mal begegnete mir der Pazifismus mit enormem medialem Echo Anfang der Achtzigerjahre, als der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler den denkwürdigen Satz äußerte: „Der Pazifismus der 30er-Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht.“ Sein Ausspruch zielte auf die Hunderttausenden von Demonstranten, die damals gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Aufstellung von atomaren Pershing-2-Raketen auf deutschem Boden protestierten. Kurz darauf wurde ich mit dem Pazifismus im Rahmen meiner Kriegsdienstverweigerung konfrontiert. Im meiner Gewissensprüfung wurde ich gefragt, wie ich denn mein Land verteidigen wolle, wenn es von den Russen angegriffen werde. Ich antwortete, so weit dürfe es gar nicht erst kommen, ich sei für Friedensverhandlungen und schrittweise Abrüstung. Der Vorsitzende der Kommission hob erst die Brauen, dann den Finger und sagte: „Ein Kriegsdienstverweigerer darf nicht für schrittweise Abrüstung sein, denn dann würde er ja die zeitweilige Existenz von Waffen in Kauf nehmen. Ein echter Pazifist muss für die augenblickliche Abschaffung aller Waffen auf dem Planeten sein.“
Ich fiel durch die Prüfung durch, und ich lernte, dass der Pazifismus ein weites Feld ist. Die einen erwarten von ihm den Glauben an eine Friedensfee, die auf der Stelle alle Gewehre aus der Welt zaubern kann. Die anderen halten ihn für so real und gefährlich, dass er einen Völkermord ermöglichen kann. So wirkmächtig war er in Wahrheit nie. Geißlers Diktum vom Pazifismus der Dreißigerjahre, der Auschwitz erst ermöglicht haben soll, beruht auf einer Begriffsklitterung. Er verwechselt den Pazifismus mit der Appeasementpolitik, jener Beschwichtigungsstrategie der Alliierten, die darauf setzte, dass Hitler schon Ruhe geben werde, wenn er erst einmal Österreich und die Tschechoslowakei bekommen hat.
Kurz nach meiner Gewissensprüfung kam Richard Attenborouhgs Erfolgsfilm „Gandhi“ in die Kinos. Viele Wehrdienstverweigerer beriefen sich auf Gandhis Konzept des gewaltfreien Widerstands. Doch ich konnte damals einfach den Gedanken nicht verdrängen, dass ziviler Widerstand vielleicht etwas ausrichten kann gegen die Truppen einer britischen Kolonialmacht, deren Stern bereits im Sinken ist, aber wohl kaum gegen die mörderische Entschlossenheit einer Waffen-SS. Und weiter gedacht: Hatten nicht all die Länder, die von Hitlers Armeen angegriffen wurden, das Recht, ja die Pflicht, zu den Waffen zu rufen, um ihre Bürger vor dem NS-Terror zu schützen? Solche Zweifel und Zwiespälte waren wohl auch der Grund dafür, warum ich bei meiner Berufungsverhandlung ebenfalls durchfiel. Beide Kommissionen hatten offenbar den Eindruck, es in meinem Fall nicht mit einem waschechten Pazifisten zu tun zu haben. Was immer das sein mag.
Der innere Zwiespalt, der mich zweimal an der Gewissensprüfung scheitern ließ, ist mir bis heute geblieben – bis hin zu Putins Angriff auf die Ukraine. Es fällt mir einfach schwer, hier eine eindeutige, entschlossene Haltung einzunehmen. Ich habe Verständnis für die Forderung, man dürfe Putin mit diesem brutalen, völkerrechtswidrigen Aggressionsakt auf keinen Fall davonkommen lassen. Ich verstehe aber auch diejenigen, die gegen Waffenlieferungen an die Ukraine sind, weil man damit einen aussichtslosen Krieg nur unnötig in die Länge zieht und den Verlust weiterer Menschenleben in Kauf nimmt. Ich wundere mich immer wieder, wie leicht sich viele Menschen damit tun, mit voller Verve für oder gegen Waffenlieferungen an die Ukraine zu sein. Und dabei gleichzeitig Menschen mit anderer Meinung zu verteufeln.
Auffällig ist: Die einstigen Träger der Friedensbewegung, Grüne, Linke und die progressiven Kräfte der Kirchen, sie zählen heute zu den lautstärksten Befürworter der alternativlosen Strategie: „Die Ukraine muss den Krieg gewinnen!“ Fast scheint es, als wäre diesem Lager sein Friedensengagement von damals peinlich, eine Jungendsünde, von der man nichts mehr wissen will. Gut, die Friedensbewegung war seinerzeit nicht nur von subtilen politischen Abwägungen geprägt, sondern auch von allerlei Teestuben-Folklore und Peace-Esoterik. Da marschierten der diskursgeschulte Linksideologe neben dem Anhänger von Buddhismus und Bergpredigt, der grüne Funktionär Schulter an Schulter mit dem Althippie, der ein Plakat trug mit der Aufschrift: „Petting statt Pershing“.
Die dialektische Pointe dabei: Die vermeintlich Progressiven von heute, die Pazifisten gern als „Putin-Versteher“ diffamieren, sind im Grunde Brüder im Geiste der reaktionären Spießer von einst, die einem Friedensbewegten schon mal nahelegten: „Dann geh doch in die Sowjetunion!“
Die peinliche Berührtheit von den eigenen Wurzeln ist auch spürbar in der Wahl der Worte, mit denen man auf den Pazifismus von heute reagiert. Als das „Manifest für den Frieden“ von Alice Schwarzer und Sarah Wagenknecht erschien, das sofortige Verhandlungen mit Russland statt Waffen für die Ukraine fordert, haben zwei damalige Spitzenpolitiker, der SPD-Generalsekretär Kevin Künert und der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck, diese Initiative als „Vulgärpazifismus“ bezeichnet. Vulgärpazifismus? Wieso verwenden beide Politiker hier das Wort vulgär? Naheliegend wären doch eigentlich Adjektive wie naiv, blauäugig oder realitätsfremd. Vulgär führt in eine Sprachsphäre, die nicht das politisch Fragwürdige thematisiert, sondern das geschmacklich Anrüchige. Vulgarität ist eine ästhetische Kategorie, keine ethische. Wer Vulgarität unterstellt, der runzelt nicht besorgt die Stirn, er rümpft angewidert die Nase. Seine spontane Reaktion ist eher ein Igitt! als ein Oh Gott!
Das Bemerkenswerte an Kühnerts und Habecks Wortwahl ist, dass sie völlig untypisch ist für ihr weltanschauliches Milieu. Sie hat ihre Wurzel in einer gutbürgerlichen Verachtung der Unterschicht. Natürlich gibt es ein solches Naserümpfen auch in der rot-grün-bunten Welt von Habeck und Kühnert, immerhin ist ein Bobo nicht nur ein Bohemien, sondern auch ein Bourgeois. Aber wenn so jemand über eine Geschmacksverirrung lästert, dann verwendet er eben nicht den snobistischen Begriff vulgär, sondern er nennt es allenfalls ein No-go. Oder er fällt das ästhetische Todesurteil: prollig.
Ist es also Ausdruck einer pöbelhaften Mentalität, einen Waffenstillstand zu fordern, bevor die Ukraine sich endgültig in eine ausgeblutete Trümmerlandschaft verwandelt hat? Ist ein Pazifismus, der sofortige Friedensverhandlungen fordert, am Ende nur ein absolutes No-go wie Tennissocken zu Sandalen? Das Gegenstück dazu wären dann Waffenlieferungen als ultimatives Must-have. Irgendetwas läuft hier gedanklich aus dem Ruder. Und wie so oft markiert die Sprache den Kurs, sobald die Gedanken sich verirren. Habeck und Kühnert greifen nicht ohne Grund daneben, wenn sie ihre Verachtung des Pazifismus kundtun. Die sprachliche Antiquiertheit des Vulgären ist nur der Unzeitgemäßheit des Pazifismus geschuldet. Die Friedenstaube ist für den angesagten Geschmack nur noch ein alberner Vogel, Friedenskitsch von dazumal, so abgetan, dass der Bobo nur noch spotten kann.
An die Stelle der Taube ist der Falke getreten, der Kriegsheld. Immer wieder ist derzeit von den heroischen ukrainischen Soldaten die Rede. Wo Helden gerühmt werden, ist der Feigling nicht weit. So nennt Habeck den Vulgärpazifismus denn auch eine „feige Einstellung“. Warum feige? Feigheit wovor, vor einem Weltkrieg, einem Atomkrieg oder am Ende nur Feigheit vor dem Feind? Sind die jungen Männer, die derzeit zu Tausenden aus der ukrainischen Armee desertieren, Feiglinge? Oder am Ende gar Volksverräter? Wie leicht der Volksverräter mittlerweile selbst liberalen Zeitgenossen über die Lippen kommt, darauf habe ich in einem früheren Blogbeitrag hingewiesen.
In Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes heißt es: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ Haben die ukrainischen Männer, die vor ihrem Militäreinsatz nach Deutschland geflohen sind, eigentlich kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung? Nein, haben sie nicht. Das meint jedenfalls der deutsche Bundesgerichtshof, der entschieden hat, dass jene geflüchteten Ukrainer, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern, in die Ukraine abgeschoben werden dürfen. Begründung: Die Kriegsdienstverweigerung sei kein Auslieferungshindernis, wenn der betreffende Staat völkerrechtswidrig mit Waffengewalt angegriffen wird und der Betroffene deshalb mit der Einziehung zum Militärdienst rechnen muss. Mit anderen Worten: Das Grundrecht gilt nicht für alle Menschen – und nur so lange, bis es ernst wird.
Die Diskussion über die Pflicht zur Landesverteidigung, die mir als jungem Wehrpflichtigen so manches Kopfzerbrechen bereitet hat, ist heute aktueller und gebotener denn je. Doch mit Künerts und Habecks Diktum vom Vulgärpazifismus ist jede ernsthafte Diskussion darüber im Keim erstickt. Wen man für vulgär hält, den verachtet man, er ist kein Diskussionspartner auf Augenhöhe.
Noch sinnfälliger kommt diese Herablassung in einem Begriff zum Ausdruck, den der Der Spiegel für die Unterzeichner des „Manifests für den Frieden“ von Alice Schwarzer und Sarah Wagenknecht geprägt hat: „Lumpenpazifismus“. Was ist Lumpenpazifismus, oder fragen wir lieber zunächst einmal: Was ist eigentlich ein Lump? Auch hier klingt wieder die Verachtung für den Pöbel durch, denn ein Lump ist ursprünglich ein Mensch in Lumpen, also ein durch sein Äußeres auffallender Vertreter der Unterschicht. Das Lumpenproletariat lässt grüßen. Aber der Lump verdient nicht nur unser Naserümpfen, sondern auch unsere moralische Verachtung. Der Duden bezeichnet ihn als eine Person, die als „charakterlich minderwertig“ angesehen wird, als „gesinnungs- und gewissenlos“. Es ist schon bemerkenswert, dass auch „Der Spiegel“ ein derart antiquiertes Wort zur Verächtlichmachung wählt. Denn wer beschimpft heute noch Menschen als Lumpen? Der Lump ist ein Schmähwort der Vergangenheit, es wird seit Beginn der Sechzigerjahre nur noch selten verwendet. Auch „Der Spiegel“ muss wie Habeck und Kühnert zwangsläufig in die vergammelte Klamottenkiste greifen, wenn er sich derart unreflektiert einem so geschichtsträchtigen Phänomen nähert. Beide Wortungetüme, der Vulgär- wie der Lumpenpazfismus, sind Ausdruck eines ungenierten Dünkels in Fragen der Moral und des Geschmacks. Im Milieu der Rechtgläubigen verdient man sich die Deutungshoheit nicht durch das bessere Argument. Man hat sie einfach.
Für viele ist der Pazifismus heute nur noch ein anachronistisches Ärgernis. Das geht so weit, dass die ZDF-Moderatorin Carin Miosga sich offen eine Militarisierung der deutschen Gesellschaft wünscht – und das mit den denkwürdigen Worten: „Das liegt nicht in unserer DNA oder lag lange nicht in unserer DNA. Da lag Pazifismus. Wie können wir diesen Code schneller überschreiben?“ Der Wunsch nach totaler, gleichsam digitaler Auslöschung einer friedlichen Geisteshaltung ist Thema für einen weiteren Blogbeitrag.
