Pazifismus? Ein offener Brief von Roland Neuwirth

Roland Neuwirth, Erneuerer und Doyen des Wienerlieds, hat auf meinen Beitrag zum Pazifismus reagiert. Über Kriegsdienstverweigerung, Heldenmut und Durchhalte-Patriotismus in der Ukraine.

Wenn Krieg der „Vater aller Dinge“ ist, muss Pazifismus die Mutter sein. Diese Schlussfolgerung drängt sich jedenfalls auf. Die Mutter will nicht, dass der Sohn in den Krieg zieht. Ihm soll nichts geschehen. Er darf nicht sterben! Mutter mag keine brutalen Veränderungen. Es soll jeder Stein auf dem anderen bleiben, in Frieden.

Doch ein Sohn, der nicht in den Krieg zieht, stirbt erst recht. Und zwar mit Schimpf und Schande. Den „Dienst mit der Waffe“ zu verweigern bedeutet den sicheren Tod. Im Dritten Reich nannte man das „Kriegsdienstverweigerung“. Eine schwere Straftat, die den Tod durch Erschießen, Erhängen oder Enthaupten zur Folge hatte. Begründung: „Wehrkraftzersetzung“. Denke ich dabei an Franz Jägerstätter, empfinde ich es fast als herabwürdigend, wenn sich unsereins als Pazifist bezeichnet. Hier und heute nämlich. Obwohl es gerade heute höchst angesagt wäre. Doch unsereiner ist – Gott sei Dank! – nicht unmittelbar mit dem „Kriegsdienst“ konfrontiert. Oder zumindest: noch nicht. Wir stehen nicht vor der bangen Entscheidung: Töten oder getötet werden?

Pazifismus ist ein leicht dahingesagtes Wort. Hierzulande. Denn sattgegessen auf dem warmen Diwan zu sitzen und von den Bildern der Kriegsberichterstattung entsetzt zu sein, ist zwar eine menschliche Reaktion, sie ist aber leider völlig belanglos. Denn, zu Ende gedacht, kann man nur eine pazifistische Einstellung haben. (Die hat man bald. Sie ist sympathisch und konform.) Ob sie aber dem Ernstfall standhält? Da müsste man schon ein Held sein. Doch Helden gibt es wenige.

Worauf wird es also hinauslaufen, wenn es (wieder) so weit ist? Ich wünsche es uns nicht, meine aber die Antwort zu kennen, von der ich nicht einmal enttäuscht bin. Warum? Weil das Ergebnis leicht vorhersagbar ist: Pazifismus ist ein hehrer Vorsatz, der nicht hält. Wenn er sich jemals offenbart hat, dann nur bei einem winzigen Bruchteil von unmittelbar vom Krieg betroffenen Menschen.

Mir wurde das Dilemma von Bekannten aus der Ukraine berichtet: Sie sind entschlossen, ihre Heimat bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Wer sich davonstiehlt, braucht gar nicht mehr zurückzukommen. Er wird missachtet. (Was mit Deserteuren geschieht, kann man sich denken. Sie gelten als feige, denn sie lassen ihre Kameraden im Stich.) Wo, so frage ich mich, bleibt der Pazifismus? Er müsste den westlich ausgerichteten Ukrainern doch als liberale Wertvorstellung gelten? Stattdessen hat ihn ein fast irrational-pragmatischer Durchhalte-Patriotismus verdrängt: Sollen vier Jahre Kampf umsonst gewesen sein? Jetzt erst recht! – Pazifismus geht anders. Soldaten sind das Gegenteil von Pazifisten. Auch wenn sie sich „nur“ verteidigen.

Ich kenne also die Antwort. Sollte es einmal bei uns so weit kommen: Unsere Jungen werden einrücken. Alle Männer im wehrfähigen Alter. Auch Frauen. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Und als Soldat hat man wenigstens eine gewisse Chance, mit dem Leben davonzukommen. Als Pazifist nicht.