Das N-Wort

Warum der Versuch, diskriminierende Sprache aus Werken der Vergangenheit zu tilgen, ein zutiefst antiaufklärerisches Programm ist.

Vor gut fünfzehn Jahren habe ich in der Tageszeitung „Die Presse“ begonnen, meine Kolumne „Diese Deutschen“ zu schreiben. Im allerersten Beitrag wollte ich beschreiben, wie die Familie meiner künftigen Frau darauf reagiert hat, dass sich da plötzlich ein Deutscher in ihren Kreis einzunisten beginnt. In meiner Schilderung taucht ein Familienmitglied auf, das ich folgendermaßen eingeführt hatte:

„Einen sonderbaren Stein im Brett hatte ich bei der Großmutter. Sie war die Gattin eines illegalen Nazis und hat im hohen Alter voller Schadenfreude gestanden, bei allen Wahlen seit Kriegsende insgeheim die Sozialisten gewählt zu haben. Ich habe übrigens Respekt vor Omas Urteil, denn sie verfügt über eine prophetische Gabe. Als sie ihre Enkelin, eine Cousine meiner Frau, einmal mit einer Puppe spielen sah, die einem afrikanischen Baby nachgebildet war, mahnte sie: ‚Gebt’s dem Kind kein Negerpupperl, sonst wird ’s noch mal mit einem Neger heimkommen.‘ – Die Cousine ist heute mit einem Nigerianer verheiratet und hat zwei Kinder …“

Kurz nach Erscheinen der Kolumne schrieb mir ein Freund, er wundere sich, dass die Redaktion mir das Negerpupperl und den Neger habe durchgehen lassen. Ich war verdutzt. Waren die Wörter nicht klar als Zitate gekennzeichnet? Und gab der Kontext nicht deutliche Hinweise darauf, aus welcher Geisteshaltung Omas Wortwahl entsprang? Dennoch: Mein Freund offenbarte mit seinem Stirnrunzeln eine ähnlich prophetische Gabe wie die erwähnte Großmutter. Heute, eineinhalb Jahrzehnte später, könnte man solche Sätze einfach nicht mehr schreiben, ohne sich dem Vorwurf rassistischer Sprache auszusetzen. Wenn etwas so Fragwürdiges denn unbedingt erwähnt werden muss, dann darf man es gleichsam nur noch mit geschürzten Lippen und spitzen Fingern formulieren. Dann hätte die Großmutter wohl gesagt: „Gebt’s dem Kind kein N-Pupperl, sonst wird ’s noch mal mit einem N. heimkommen.“ Und das wäre dann nicht rassistisch.

Ich gestehe, dass ich beim Verfassen meiner Kolumne keinen Augenblick daran gedacht hatte, dass meine Wortwahl anstößig sein könnte. Ich hatte die Wörter gewählt, weil die Großmutter sie genau so verwendet hatte. Ich hatte einen Menschen zitiert, der offensichtlich in rassistischen Kategorien dachte und dementsprechend formulierte.

Dabei hätte ich gewarnt sein können. Schon 2009, ein Jahr vor Erscheinen meiner Kolumne, hatte Astrid Lindgrens Verlag den Vater von Pippi Langstrumpf sprachlich entschärft und aus einem Negerkönig einen Südseekönig gemacht. Ein N-König hätte die junge Leserschaft wohl irritiert und die Frage provoziert, was das denn sei. Was wiederum die armen Eltern oder Lehrer gezwungen hätte, das getilgte Wort am Ende gar noch vor Kinderohren aussprechen zu müssen.

Nun könnte man einwenden, dass man gerade Kindern nicht rassistische Sprachstereotype als selbstverständlich präsentieren dürfe. Ob man jedoch den jungen Lesern wirklich nicht erklären kann, dass man früher so geschrieben habe und heute aus gutem Grund nicht mehr, sei dahingestellt. Ganz zu schweigen von der Frage, ob ein Stück Kinderweltliteratur nicht auch ein zeithistorisch-künstlerisches Dokument ist, das eine Art sprachlichen Denkmalschutz genießt. Gern wird an dieser Stelle ins Feld geführt, dass schließlich auch Astrid Lindgrens Erben eine solche Änderung befürwortet hätten. Das aber ist ein zwiespältiges Argument. Dann was wäre, wenn die Erben keine sensiblen Antirassisten wären, sondern reaktionäre Spießer, die endlich mal Zucht und Ordnung in Pippis Villa Kunterbunt bringen wollen?

Das Umschreiben von Büchern aus vergangenen Zeiten verrät eine erstaunliche Respektlosigkeit gegenüber einem Kunstwerk als ästhetischem Ausdruck seiner Zeit. Hier werden die eigenen Maßstäbe bedenkenlos einer früheren Epoche übergestülpt, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass unsere heutige Sprache ebenfalls ein zeitbedingtes Produkt ist. In die Sprache früherer Autoren einzugreifen heißt, ihre Worte zu neutralisieren. Man nimmt ihnen die Reibung mit der vergangenen Gegenwart und beraubt sie so ihrer literarischen Fülle und Färbung in einem konkreten Zeitkontext.

Besonders sichtbar wird das etwa im Fall von Mark Twains „Huckleberry Finn“. Hier taucht nicht nur wie in allen Werken seiner Zeit üblich der Begriff Negroe auf, sondern sogar der noch weit rassistischere Verwandte Nigger. In vielen US-Schulen wird Twains wunderbares Werk daher gar nicht mehr gelesen, oder es wird in sprachlich entschärften Ausgaben angeboten, in denen das Wort Nigger durch Sklave ersetzt ist. Nun war Mark Twain ein überzeugter Gegner der Sklaverei, er sah sich als Chronist einer von Rassentrennung vergifteten Zeit. Er war einer der Ersten, die diesen menschenverachtenden Zeitgeist durch authentische Sprache zum Ausdruck brachten. Der Anstoß, den das Wort Nigger schon zu seiner Zeit bei vielen Lesern erregte, war beabsichtigt, er war literarisches Programm.

Endgültig absurd wird es, wenn die antirassistische Sprachpflege in die Erwachsenenliteratur übertragen wird. Abgesehen davon, dass dann ganze Bibliotheken durchforstet und umgeschrieben werden müssten: Wie will man etwa mit einem afroamerikanischen Schriftsteller wie James Baldwin umgehen, der sich ein Literatenleben lang mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt hat? Wie soll man künftig seinen Text: „I Am Not Your Negroe“ übersetzen? Ich bin nicht euer N.? Oder: Ich bin nicht euer Schwarzer? Wer nicht spürt, dass dabei die künstlerische Intensität des Unvermittelten auf der Strecke bleibt, der hat jedes Gespür dafür verloren, was Literatur ausmacht.

Mit dem Versuch, das Alte einfach mit Neuem zu überschreiben, vertun wir die Chance, im Modus der Unmittelbarkeit aus Werken zu lernen. Gerade die Zeitbedingtheit von Sprache erlaubt tiefe Einblicke in vergangene Gesellschaften. Wer sich nie dem einstigen Potenzial anstößiger Wörter im Original ausgesetzt hat, wer nie von Huckleberry Finns hässlichem Wort Nigger getriggert wurde, dem ist das anschauliche Erlebnis verwehrt, das einen spüren lässt, welch weiten Weg wir seit den Zeiten der Sklaverei zurückgelegt haben.

Der Endpunkt einer Strategie des getilgten Wortes muss der Glaube sein, dass ein solches Wort nie existiert habe. Bis wir so weit sind, brauchen wir notgedrungen Verlegenheitskonstrukte wie das N-Wort. Es dient als ein peinlicher Platzhalter, bis wir sicher sind, dass das Wort, für das die Abkürzung steht, für alle Zeiten und Zeitebenen aus dem Bewusstsein getilgt ist.

Der Aberwitz an diesem Vorgang ist der Glaube, dass mit einer solchen Sprachtilgung auch das real existierende Phänomen des Rassismus beseitigt ist. Es ist eine Hybris im Umgang mit Sprache, die an magisches Denken grenzt: Was man nicht sagt, nie gesagt hat und nie mehr sagen wird, das ist auch nicht da.

Das Gegenstück zur Tilgungsstrategie ereignet sich gerade in der Filmwelt. In Kostüm-TV-Serien wie „Bridgerton“, „Wolf Hall“ oder „Ann Boleyn“ werden Rollen von historischen weißen Charakteren mit schwarzen Schauspielern besetzt. Da gibt es plötzlich Herzöge, Kronräte und sogar Königinnen mit schwarzer Hautfarbe, und alle anderen Serienfiguren um sie herum tun so, als sei das völlig normal. Es gibt schon einen eigenen Begriff für diese vermeintlich antidiskriminatorische Besetzungspolitik: „Colour-blind Casting“: die (haut)farbenblinde Besetzung. Die Macher der Netflix-Serie „Bridgerton“, die im England des frühen 19. Jahrhunderts spielt, begründen ihr Casting zudem noch historisch. Im damaligen London hätten schließlich viele Schwarze gelebt und Mischehen seien gar nicht so selten gewesen. Man hat also die Rollen gerade nicht „farbenblind“ besetzt, sondern mit Bedacht. Schon seltsam, dass mit der Farbenblindheit ausgerechnet eine pathologische Sehstörung Pate stand für ein Konzept der Diversität. Der Begriff ist ein viel sagender Fehlgriff, da ja ein Farbenblinder sehr wohl zwischen Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß unterscheiden kann. Netflix verstieß also nicht einmal gegen das eigene „Colour-blind Casting“, wenn es bewusst schwarze Schauspieler wählte.

Falsche Sprache verweist immer auf falsches Denken, in diesem Fall auf eine Schwarz-Weiß-Vereinfachung und Verfälschung der Vergangenheit. Wäre ich ein schwarzer Bürgerrechtler, mir würde sich der Magen umdrehen beim Anblick all der schwarzen Adligen in den Serien. Ausgerechnet in einer durch und durch standesbewussten Gesellschaft wie der englischen, in einem Land, das erst 1807 den Handel mit schwarzen Sklaven abgeschafft hat, schafft die Filmwelt die Rassentrennung in den höchsten Kreisen ab. Natürlich gab es damals Schwarze in London, aber nur in den untersten Gesellschaftsschichten – und schon gar nicht unter den Lords und Royals, wo eine unstandesgemäße Heirat bis ins 20. Jahrhundert hinauf ein hart sanktionierter Skandal war.

Wer sich anmaßt, Werke der Vergangenheit nach Maßgabe der Gegenwart umfärben zu können, der wagt sich auf heikles geschichtsphilosophisches Terrain. Er treibt den postmodernen Anspruch auf die Spitze, die Welt wie einen bunten Baukasten nach Belieben neu zusammensetzen zu können.

Der Gedanke, sich selbst jederzeit neu erfinden zu können, ist noch relativ jung, doch er ist längst zum einem unhinterfragten Topos der Medienwelt geworden. Warum sollte so etwas nur für die Gegenwart möglich sein? Warum kann man nicht auch ein Ich der Vergangenheit neu erfinden, seine Identität, sein Geschlecht, seine Hautfarbe? Von Fans der „Bridgerton“-Serie liest man in einschlägigen Foren immer wieder: Toll, wie leicht man sich daran gewöhnt, dass plötzlich Schwarze auf Thronen sitzen, das wirkt auf einmal ganz normal! Eine fragwürdige Gewöhnung, denn sie birgt die Gefahr der sich einschleichenden Annahme, dass es eigentlich immer schon so war. Es ist eine Strategie der Ausmerzung eines Übels durch ein So-tun-als-ob im Zustand der freiwilligen Erblindung.

Es liegt etwas Infantiles in dieser Haltung, eine Rückkehr in jene kindliche Phase, wo die Ansprüche des Ich noch nicht mit den Gegebenheiten der Außenwelt in Ausgleich gebracht sind. Es ist am Ende eine selbst verordnete Regression der Lern- und Erkenntnisfähigkeit im Medium der Kunst – und darum ein zutiefst antiaufklärerisches Programm.