Der Deutsche Buchpreis des Jahres 2022 ging an einen Menschen, dessen Wikipedia-Eintrag so beginnt: „Kim de l’Horizon ist eine genderfluide nichtbinäre schweizerische Person, die unter diesem Pseudonym Lyrik, Prosa und Theaterstücke verfasst.“ Nun wäre es in früheren Zeiten wohl kaum einem Lexikographen eingefallen, etwa den Schriftsteller Max Frisch als „schweizerische Person“ zu klassifizieren. Das muss mit den beiden Adjektiven zu tun haben, die Wikipedia der Person voranstellt: genderfluid und nichtbinär. Sie müssen von solchem Gehalt und Gewicht sein, dass ansonsten von Kim de l’Horizon nichts übrigbleibt als die nackte, aller Eingenschaften entkleidete Person. Genderfluid und nichtbinär sind Fremdwörter, die einem zugleich geläufig und fremd sind. Das Wort binär etwa kannte ich, bevor es auf Menschen bezogen wurde, vornehmlich aus der Computersphäre. Binär ist jener Code, der die digitale Welt im Innersten zusammenhält. Das zweite Fremdwort, genderfluid, ist vertrauter, Gender ist das Wort der Stunde, es macht im Englischen eine Unterscheidung möglich, die dem Deutschen fremd ist, nämlich zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem sozialen (gender).
Wie das Fluide sich im Gender der schweizerischen Person manifestiert, wird auf den Fotos sichtbar, mit denen die Medien ihre Berichte von der Buchpreisverleihung schmücken: Zu sehen ist da ein Mensch, der zu einem schwarzen Drei-Tage-Bart einen knallroten Lippenstift aufgetragen hat. Der ins Auge springende Kontrast beruht darauf, dass hier zwei Pole des Menschlichen bildlich aufeinandertreffen, die ansonsten getrennt sind. Bart und Lippenstift sind Zeichen für das Männliche und das Weibliche. Es ist das Bild zum Wort: Das Nichtbinäre will sich nicht zwischen Bart und Lippenstift entscheiden, das Fluide erhält seinen Sinn aber nur vor der Folie der Zweiheit, fließen kann etwas nur von hier nach dort. Das Nichtbinäre ist im Grunde nur der bildungssprachlich eingekleidete Begriff für das alltagssprachliche „Keines von beidem“. Was zwangsläufig zu der Frage führt: Ja, was denn dann?
Hier soll es darum um die Frage gehen, welche Sprache wir verwenden, wenn wir die Zweigeschlechtlichkeit in ein Drittes zerfließen lassen wollen. Konkret gefragt: Was ist das eigentlich, das dritte Geschlecht, wie benennen wir es, welche Spuren hat es bislang in unserer Sprache hinterlassen?
60 Geschlechter bei Facebook
Dabei sind wir inzwischen ja längst über die Vorstellung von drei möglichen Geschlechtern hinaus. Zwar ist der Gender-Enthusiasmus eines Mark Zuckerberg rasch verpufft, seit Donald Trump wieder im Weißen Haus thront, der Facebook-Gründer zeigt sich inzwischen muskelbepackt und fordert mehr Männlichkeit am Arbeitsplatz. Doch wie aufgeregt war das Medienecho, als Facebook im Jahr 2014 die Möglichkeit einführte, bei der Erstellung eines Personenprofils zwischen 60 Geschlechtskategorien wählen zu können. Wie aber hat Facebook den ersten Schritt über die Zweiteilung hinaus getan, wie benennt es das dritte Geschlecht? Interessant ist, dass diese Kategorie nur in folgender Variante aufscheint: Two Spirit drittes Geschlecht, was bei Facebook als „indianische Bezeichnung für zwei in einem Körper vereinte Seelen“ erläutert wird. Angehörige eines dritten Geschlechts, die mit der Spiritualität indigener Völker weniger vertraut sind, gehen leer aus. Dafür kann man gleich dahinter die Kategorie „Viertes Geschlecht“ ankreuzen. Und hat man erst das dritte im Indianerreservat übersprungen, gibt es kein Halten mehr, dann wimmelt es gleich so von Geschlechtern.
Betrachtet man die 60 Facebook-Geschlechter indes genauer, dann fällt auf, dass die meisten ein und dasselbe bedeuten. Dann was sollte etwa der Unterschied sein zwischen „trans*Mann“ und „trans*männlich“? Die Vorsilbe „trans“ kommt übrigens ganze 20 Mal unter den Optionen vor. Das mag verwundern, da „trans“ in der Genderwelt gerade nicht bedeutet, dass die Binärität von „männlich“ und „weiblich“ transzendiert würde, ganz im Gegenteil. Nichts wäre diskriminierender für eine transsexuelle Person, als ihr zu unterstellen, dass sie sich von der Anrede „Meine Damen und Herren“ nicht angesprochen fühlte. Handelt es sich doch um Menschen, die nicht selten bereit sind, sich lebenslangen Hormonbehandlungen und chirurgischen Eingriffen an ihren primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen zu unterziehen, um endlich und definitiv entweder das eine oder das andere zu werden: Mann oder Frau. Niemand bestätigt rigoroser die Wirkmächtigkeit des Binären als ein transsexueller Mensch, der sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzieht.
Das „Kanzler-Märchen von Mann und Frau“
Völlig anders als bei trans verhält es sich dagegen bei der Vorsilbe inter, die unter den Facebook-Gechlechtern acht Mal vorkommt. Intersexualität ist ein körperliches Phänomen, es betrifft Menschen mit biologisch uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen. Erstaunlich ist, dass sich bei den 60 Geschlechtern sogar eine Wahlkategorie findet, die in meiner Jugendzeit als übles Schmähwort für intersexuelle Menschen kursierte: der Zwitter. Als Ex-Bundeskanzler Nehammer unlängst behauptete, es gebe nur zwei biologische Geschlechter, da rückten der ORF und das Magazin „Profil“ gemeinsam aus, um „das Kanzler-Märchen von Mann und Frau“ einem Faktencheck zu unterziehen. Fazit, ich zitiere: „Frauen besitzen in der Regel zwei X-Chromosomen, Männer ein X und ein Y-Chromosom. Doch es gibt viele Ausnahmen: Intersexuelle Menschen tragen meist die Merkmale beider Geschlechter in sich.“ Beider Geschlechter also. Da sind sie wieder, die zwei, man wird sie einfach nicht los. An dieser Stelle musste ich an ein Bonmot des Kolumnisten Harald Martenstein denken, der einmal sinngemäß gesagt hat: Du kannst Limo und Cola in jedem gewünschten Verhältnis zu Spezi mischen, aber niemand käme auf den Gedanken, aus der Tatsache, dass es Spezi gibt, zu schließen, dass Cola und Limo nur im Märchen von Mann und Frau existieren.
Zur wissenschaftlichen Entlarvung des Märchens führt das „Profil“ exemplarisch das sogenannte „Klinefelter-Syndrom“ ins Feld, es könne gelegentlich bei männlichen Babys auftreten. Nun könnte man ja meinen, dass durch die Kategorie männliche Babys das Geschlecht bereits bestimmt ist. Doch weit gefehlt! Denn Kinder mit Klinefelt haben ein X-Chromosom zu viel. Und wie äußert sich das? Für diese Frage hat „Profil“ sich Expertise bei dem Humangenetiker Helmut Schaschl von der Uni Wien eingeholt: Er erklärt: „Die meisten Betroffenen zeigen nur geringe oder keine Symptome. Manche können allerdings von verkleinerten Hoden und Unfruchtbarkeit betroffen sein.“ Jetzt haben wir zumindest die ersten drei Merkmale für ein drittes Geschlechts, als da wären: 1. Unfruchtbarkeit, 2. kleine Hoden, 3. ein Chromosom zu viel. Nun hat ja womöglich nicht jeder zeugungsunfähige Mann mit bescheidener Genital-Ausstattung seine Chromosomen einem Faktencheck unterzogen. Darum, nur zur Beruhigung: Das Klinefelter-Syndrom ist keine Kategorie unter den 60 Facebook-Geschlechtern – eine Lücke, die sich sicher bald schließen wird. Doch bis es so weit ist, dürfen sich diese Männer auch weiterhin als Männer fühlen.
XY-Chromosomen – wo bleibt das Z?
Es wirkt fast wie eine sprachironische Spitze gegen die Lehre von den vielen Geschlechtern, dass die Biologie sich mit X und Y ausgerechnet die beiden vorletzten Buchstaben des Alphabets ausgesucht hat, um die geschlechtsbestimmenden Chromosomen zu bezeichnen. In unseren fluiden Zeiten schreit das geradezu nach einem Z. Doch X und Y können in einer Laune der Natur noch so durchmischt und durchwürfelt werden, es entsteht nie ein Z daraus. Auch das Klinefelter-Syndrom bringt es ja nur zu einem XXY-Chromosomensatz. Ob X oder Y, inter, trans oder nonbinär – die Sprache hat offenbar kein rechtes Wort für ein drittes Geschlecht. Alles bewegt sich begrifflich immer wieder aufs Neue zwischen den zwei Polen hin und her. Auch das Gender-Sternchen, dieser funkelnde Fremdkörper im Schriftbild, ist nicht ohne Grund beliebter als der Doppelpunkt, denn die beiden Punkte erinnern immer noch an die Zweiheit, die Bedeutung des Sternchens hingegen steht buchstäblich in den Sternen.
Selbst die inzwischen in Funk und Fernsehen praktizierte Atempause vor jedem „Innen“ ist im Grunde nur eine verlegene Lücke im Sprachfluss, ein Stückchen Stille, das für das schlechthin Unaussprechliche steht. Fast scheint es, als würde die Sprache sich dagegen wehren, als Baukasten für gedankliche Genderexperimente zu dienen. Und es ist wohl kein Zufall, dass im Kontext der Transsexualität ein Wort aus der Versenkung aufgetaucht ist, um das aufgeklärte Menschen sonst einen weiten Bogen machen: die Seele. Selbst in medizinischen Lehrbüchern wohnt da plötzlich eine weibliche Seele in einem männlichen Körper – oder umgekehrt. Dass für dieses Phänomen des verkehrten Hausens ein Sprachrelikt aus der religiösen Sphäre verwendet wird, ist bezeichnend, es markiert nur das Wundersame, schlechthin Unerklärliche.
Die multiple Geschlechterwahl, ebenso wie das Gendersternchen und die Sprechpause, sie dienen, so sagt man, einem emanzipatorischen Zweck: nämlich bislang diskriminierte Minderheiten in der Sprache sichtbar zu machen. Ich stelle mir dann immer einen dunklen Kinosaal vor, und bei jeder erklingenden „Innen“-Pause geht ein Spot an, der eine Person anleuchtet. Hat sich eigentlich je jemand gefragt, ob ein unfruchtbarer Mann mit kleinen Hoden und einem X zu viel diese Sichtbarkeit überhaupt haben will?“
„SOVIELMEHR!“
Kurz nach der Verleihung des Buchpreises hat Kim de L’Horizon in der Neuen Zürcher Zeitung über Gewalterfahrungen berichtet, denen er aufgrund seines nonbinären Äußeren ausgesetzt war. Es sind Schilderungen, die betroffen machen. Ich verstehe die Sehnsucht nach einer Welt, in der ein Mensch nicht mehr angefeindet wird, nur weil er Lippenstifts und Dreitagebart trägt. Die Frage ist nur, ob wir dieser Utopie durch die Gendersprache näherkommen. De L’Horizon protestiert in dem Artikel gegen das vermeintlich Verarmende und Beengende der Zweigeschlechtlichkeit: „Das Erste, was wir hören, wenn wir auf die Welt kommen, ist nicht unser Name, wir werden nicht als ‚Ueli‘ oder ‚John, ‚Sahra‘, ‚Yeliz‘ oder ‚Lee‘ willkommen geheißen. Wir werden nicht in unserem Schönheitsreichtum wahrgenommen, sondern nur darin, ob wir JUNGE! oder MÄDCHEN! sind. Dabei sind wir doch so viel mehr. Und dafür stehe ich. Für dieses SOVIELMEHR.“
Ein starkes, emphatisches Statement! Wie in einem Lehrbeispiel für Dialektik wird hier in Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen eine These (JUNGE!) und eine Antithese (MÄDCHEN!) aufgestellt. Und dann in eine Synthese überführt. Und was ist die Synthese, das Neue, das Dritte, das dritte Geschlecht? Ein „SOVIELMEHR“, ebenfalls in Großbuchstaben, sogar zusammengeschrieben, damit jeder sieht, dass die Synthese mehr ist als die Summe ihrer Bestandteile. SOVIELMEHR. Warum kann selbst eine buchpreistragende Person wie Kim de L’Horizon, die den Horizont schon in ihrem Künstlernamen trägt, bloß ein derart nichtssagendes Wort an den Himmel heften, wenn es um das Aufbrechen des Zweigeschlechtlichen geht? „SOVIELMEHR“ hat nicht mehr Gehalt als der Buchstabe D, der sich inzwischen in jedem Jobinserat als Abkürzung für divers im (m/w/d) findet. Nicht mehr Aussagekraft als die Dritte Option, die man inzwischen auch in Behörden ankreuzen kann. Es sind Platzhalter, die alles und nichts bedeuten können.
Kein richtiges Schreiben im falschen Denken
Dabei fällt es doch der Sprache ansonsten so leicht, aus zwei konträren Polen etwas Neues zu bilden. Selbst Martensteins Spezi hat einen sprechenden Namen, einen speziellen zumal. In meiner rheinischen Heimatwelt hieß das Gemisch aus Limo und Cola übrigens „Diesel“, was sich der Farbe des Gesöffs verdankt. Gerade der Umgang mit Farben ist ein schönes Beispiel, wie kreativ die Sprache aus der Mischung von Polaritäten völlig neue Bedeutungshorizonte entstehen lassen kann. So ist etwa die Barbie-Welt in Rosa getaucht, eine schreiende Farbe, die sich nichtbinär und fluid aus den Polen Rot und Weiß zusammensetzt. Wenn ein Maler weiße und schwarze Farbe mischt, entsteht daraus gerade nicht Schwarz-Weiß, sondern Grau, ein Farbton, der so viel Assoziationsreichtum in sich birgt, dass er metaphorische Potenz entwickeln konnte: im Grau in Grau etwa oder in der grauen Maus, ebenso wie die rosa Brille, die eine schöngefärbte Sicht der Dinge ermöglicht.
Warum aber sperrt sich die Sprache beim Gendern so konsequent dagegen, Gehalt und Gestalt anzunehmen, obwohl sie sich sonst so biegsam zwischen alle Stühle setzen kann? Versuch einer Antwort: Weil die gewachsene Sprache klüger ist als die Sprecher, die sie zurechtstutzen wollen. Man kann der Sprache nur schwer etwas vormachen. Es gibt kein richtiges Schreiben im falschen Denken.
Es ist bezeichnend, dass der Begriff „binär“ den meisten Menschen aus der Computersprache vertraut ist. Die Analogie ist kein Zufall: Aus einer denkbar simplen Anordnung von unendlichen Paarungen des Immergleichen (0 und 1) entstehen ganze virtuelle Welten. Doch so reich man die bunte Vielfalt von Netflix und Spotify auch erleben mag, die Basis für all das sind nie mehr als jene Nullen und Einsen, die man ebenso wenig sehen kann wie die X- und Y-Chromosomen.
Martensteins Beispiel von Cola, Limo und Spezi bringt satirisch einen logischen Kategorienfehler auf den Punkt: Das Spiel mit dialektischen Gegensätzen ist ein Prinzip des Geistes, nicht eines der Natur. In der Welt des Naturwüchsigen gelten andere Gesetze als in den postmodernen Bastelblasen des Anything goes.
Alles wird fluid – selbst die Biologie
Die Unterscheidung zwischen Gender und Sex ist durchaus sinnvoll, sie differenziert zwischen dem, was der Mensch an naturwüchsiger Ausstattung mitbekommt, und dem, was er im Laufe seines Lebens daraus macht. Es ist die Differenz zwischen dem Unverfügbaren und dem Verfügbaren. Im Faktencheck wider das Märchen von Mann und Frau wird am Ende alles märchenhaft fluid, selbst die Biologie.
Es passt einfach zu gut in unsere Epoche des schrankenlosen Konsumismus und der multiplen Ich-Optimierung, dass man auch über sein Geschlecht nach Belieben verfügen kann. Sobald man jedoch in der schönen neuen Welt des Diversen der Sprache auch nur ein wenig nachlauscht, lösen sich die Worte sofort in bunten Dunst auf. Da stehen indigene Spiritualität neben erotischer Travestie, subjektives Erleben neben einem medizinischen Syndrom, das Chromosom neben dem Lippenstift. Der Zuwachs an „Schönheitsreichtum“, den Kim de L’Horizon sich von einem Zerfließen der Zweigeschlechtlichkeit erhofft, ist eine Kategorie des Geschmacks, sie ist sprachlogisch ebenso wenig geeignet, ein neues Geschlecht zu erschaffen, wie die Auflistung all der ästhetisch-erotischen Vorlieben, die im Grunde die Basis aller Genderkategorien sind.
An einer Stelle seines Essays lässt Kim de L’Horizon uns an einem intimen Moment seiner fluiden Befindlichkeit teilhaben: „Ich trug Jeans, Pulli und etwas Lippenstift. Ich fühlte mich schön, aber nicht zu schön.“ Was wohl passieren würde, wenn de L’Horizon sich einmal zu schön fühlt? Doch womöglich schlägt ihm wieder nur die Sprache ein Schnippchen: Am Ende ist das alles einfach nur zu schön, um wahr zu sein.
Der Essay ist leicht gekürzt in der Print-Ausgabe des Magazins Libratus (1/2026) erschienen.
