Die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann erhielt 2025 für ihre Nahost-Berichterstattung den Joachim-Friedrich-Preis. Kurz vor der Preisverleihung gab es Aufregung um ihre Person. Ihr wurde vorgeworfen, in einem Gespräch mit dem bayrischen Antisemitismus-Beauftragen den Terroranschlag der Hamas auf Israel verharmlost zu haben. Worin bestand nun ihre Verharmlosung? Laut Medienberichten hat sie gesagt, das Massaker der Hamas habe eine Vorgeschichte gehabt. Man müsse in der historischen Betrachtung bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches zurückgehen, um das verstehen zu können. Diese Feststellung wurde von einigen Gesprächsteilnehmern als „pro-palästinensich“ und als Relativierung des Terroranschlags empfunden. Das bedeutet: Das bloße Einordnen eines Terroranschlags in den konfliktreichen Kontext der palästinensisch-israelischen Geschichte wird gedeutet als ein „Selbst schuld!“
Alles verstehen heißt alles verzeihen?
Von der Schriftstellerin Madame de Staël stammt das Zitat: „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Es markiert den endgültigen Siegeszug der Psychologie in Literatur und Philosophie. Die Abgründe und Nachtseiten der menschlichen Existenz werden zu den Lieblingsthemen der romantischen Literatur. Ihr Zeitgenosse Schopenhauer entwirft das neue Bild eines Menschen, der geprägt und gepeinigt ist von unbewussten Trieben und Instinkten. Der Grundstein für die Psychoanalyse war gelegt. Die Auswirkungen reichen bis in die Rechtsprechung. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob eine Frau ihren Mann umbringt, um an die Lebensversicherung heranzukommen, oder ob die Tat eine Affekthandlung nach jahrelanger Misshandlung ist. Verstehen heißt hier: nach erklärenden, mildernden Umständen suchen.
Das Schillernde an dem Zitat „Alles verstehen heißt alles verzeihen“ entsteht dadurch, dass das Wort Verstehen verschiedene Bedeutungsebenen hat. Verstehen kann ein empathisches Verständnis sein, ein Einfühlen in die Motive eines anderen. Verstehen kann aber auch ein kognitives, rationales Begreifen sein. Man kann die Gefühlslage hinter einer Tat verstehen, aber auch den Satz des Pythagoras. Wenn man diese beiden Ebenen nicht mehr trennt, entstehen zwangsläufig sprachliche und gedankliche Schieflagen. Nur so ist erklärbar, dass etwa ein so primitives Unwort wie der Putin-Versteher derart Karriere machen konnte. Ich kannte dieses Art der Verwendung des Wortes Versteher bislang nur in der Zusammensetzung Frauen-Versteher. Es ist die machohaft-verächtliche Schmähung eines Mannes, der versucht, sich in die Seele einer Frau einzufühlen. Ein Weichei und Softie!
Nun ist das Unterstellen einer Vorgeschichte, welchen Ereignisses auch immer, der notwendige Beginn eines jeden realtitätsbezogenen, kognitiven Verstehens. So zu tun, als hätten das Massaker der Hamas oder Putins Angriff auf die Ukraine keine Vorgeschichte, führt zwangsläufig zu einer bewussten und überaus gefährlichen Realitätsverweigerung im Namen der Moral. Ein Ausblenden von Vorgeschichte ist eine Kampfansage gegen jedes geschichtliche Denken.
Kennen wir die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs?
Auf die Gefahr hin, als Putin-Versteher abgestempelt zu werden, frage ich: Wann haben Sie, Hand aufs Herz, zuletzt in den Leitmedien einen gute Analyse gesehen, die sich der Vorgeschichte der ukrainisch-russischen Beziehungen gewidmet hat? Oder eine Reportage, die versucht, Hintergründe zu folgendem Themenkomplex zu liefern: Die Ukraine ist ein recht junger Nationalstaat, der, grob skizziert, gespalten ist zwischen einer ukrainischsprachigen, Europa-orientierten Westukraine und einer russischsprachigen, Russland-orientierten Ostukraine. Diese Spaltung hat seit 2014 zu einem innerukrainischen Bürgerkrieg geführt, der nach unterschiedlichen Angaben zwischen 10.000 und 14.000 Zivilisten das Leben gekostet hat. Wie ist es zu diesem Vorgängerkrieg gekommen? Wer hat ihn begonnen? Wer sind die Akteure, wer die Profiteure, wer die Täter und wer die Opfer? Durch die Abkommen von Minsk von 2014 und 2015 wurde versucht, den Krieg einzudämmen. Warum sind sie gescheitert? Wer hat sie zuerst gebrochen?
Und weiter: 22 Prozent der ukrainischen Bevölkerung spricht Russisch. Wie war es vor Ausbruch des derzeitigen Krieges um deren Minderheitenrechte bestellt, die übrigens durch die Minsker Abkommen gesichert werden sollten? Was hat es zu bedeuten, dass der russischen Sprache in den Ost-Provinzen der offizielle Status aberkannt wurde, und das, obwohl das Russische nicht nur dort, sondern in der gesamten Ukraine traditionell die Sprache der Hochkultur war? Sind wir über diese Fragen gut informiert?
Wenn die Vorgeschichte dieses Krieges überhaupt in den Blick der Leitmedien gerät, dann als Spurensuche, die belegen soll, dass Putin dem untergegangenen Sowjetreich nachtrauert und Pläne hegt, es so bald wie möglich wieder herzustellen. Kein Zweifel, auch das gehört zur Vorgeschichte, aber die historische Gemengelage ist weitaus komplexer. Doch Komplexität ist der Todfeind jeder unbedingten und unhinterfragten moralischen Empörung. Es soll nur die böse Tat geben und sonst nichts. Um es noch einmal klar zu sagen: Wie immer die Antworten auf meine oben gestellten Fragen ausfallen mögen, sie können nie eine Rechtfertigung dafür sein, einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen ein anderes Land zu führen. Wer das unterstellt, hat wieder Verstehen-Wollen mit Verständnis-Haben verwechselt.
Nichts verstehen heißt nichts verzeihen
All diese Frage müssen aber beantwortet werden, nicht nur um zu begreifen, wie es zu dem aktuellen Krieg kommen konnte. Sondern, wichtiger noch: um durch ein Verstehen der Vergangenheit in der Lage zu sein, für die Zukunft einen tragfähigen Frieden zu schaffen. Sollte kein einziger Putin-Versteher (im kognitiven Wortsinn) am Verhandlungstisch sitzen, dann ist das Wiederaufflammen des Krieges vorprogrammiert.
Es scheint, als wolle man sich durch nichts den Wind aus den geblähten Moralsegeln nehmen lassen. Bleibt die Frage, warum die Verabsolutierung der Moral derzeit so verbreitet ist. Warum reagieren so viele Menschen geradezu allergisch gegen jede erklärende Psychologie? Die Antwort kann nur eine psychologische sein. Alles verstehen heißt alles verzeihen impliziert den Umkehrschluss: Nichts verstehen heißt nichts verzeihen, koste es, was es wolle. Vielleicht können all die Hypermoralisten ja sich selbst etwas nicht verzeihen, weil sie sich selbst nicht verstehen.
Wie will man etwa die radikale Inkonsequenz verstehen oder verzeihen, die unserem Verhalten Tag für Tag zu Grunde liegt? Es gibt inzwischen keinen Wetterbericht mehr ohne Hinweis auf den bedrohlichen Klimawandel. Nachrichten über Naturzerstörung und Ressourcenverschwendung sind unsere ständigen Begleiter. Und wir sind ja auch permanent darüber empört. Andererseits wissen wir nur zu gut, dass unsere eigenen Mobilitäts- und Konsumgewohnheiten schuld an diesen Verwerfungen sind. Aber wir sind dennoch nicht bereit, unseren Lebensstil grundlegend zu ändern. Eine solche Diskrepanz zwischen der eigenen Haltung und dem eigenen Handeln muss zwangsläufig zu schweren mentalen Dissonanzen führen. Vielleicht ist unser bedingungsloser Hypermoralismus am Ende nur ein Ausdruck eines nicht eingestandenen schlechten Gewissens.
