Sexarbeit
Diesen profunden sprachlichen Betrachtungen über die Prostitution als dem – wie es auch heißt – ältesten Gewerbe (als gewerbsmäßiger sexueller Dienstleistung) ist vollinhaltlich zuzustimmen. Sie schreiben: „Ein besserer gesetzlicher Schutz von Prostituierten ist ein humanes Anliegen. Aber kann so etwas überhaupt gelingen, wenn man dafür die Realität ausblendet?“ Dazu möchte ich anregen, sich den Dokumentationsfilm „Whores‘ Glory“ aus 2011 von dem inzwischen verstorbenen Michael Glawogger anzusehen. Die räumlichen und hygienischen Zustände sind haarsträubend, die sozialen Umstände: Diese Frauen (meist noch Mädchen) sind die einzige Einnahmequelle zum Erhalt der ganzen Familie. Heutzutage nicht der einzige Zustand für das Bedürfnis, die Realität auszublenden!
Der Putin-Versteher
Ich stimme Ihren Argumenten bezüglich „Putin-Versteher“ weitestgehend zu. Bin aber über die aufgezeigten Widersprüche (Israel/Ukraine) nicht überrascht. Die Sprache der Politik folgt keinen logischen oder moralischen Vorgaben. Es geht nur um die Durchsetzung bzw. Sicherung von Interessen. Politik hat ihre eigene Logik. Damit Normen und Regeln (z. B. Völkerrecht) wirksam werden können, muss dahinter ein entsprechendes Machtpotential stehen, mit dessen Interessen deren Einhaltung konvergiert.
These: Putin hätte die Ukraine gar nicht angegriffen, wenn er mit Westeuropa militärisch rechnen hätte müssen. Das aktuelle Machtgleichgewicht ist m. E. für die Verhinderung von Gewaltausbrüchen wichtiger, als die historischen Hintergründe zu verstehen. Verstehen und verzeihen sind individualpsychologische Kategorien, die in politischen Prozessen höchstens eine ideologische Funktion haben.
Übrigens, gegen Ende hin, finde ich, argumentieren Sie auch zunehmend ideologisch, indem Sie „uns“ die Schuld (Mobilitäts- und Konsumgewohnheiten) geben. Ich sehe bei mir keine Schuld für Klimawandel etc.
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Es ist außer Frage, dass der Mann des 2o., nicht des 21. Jahrhundert, der Putin, der sich ein Wiedererstehen der UdSSR wünscht, nervös wurde, als ihm der Westen immer mehr auf den Pelz rückte. Das hat ihm viel Verständnis eingebracht. Inzw ist er jeden Funken Sympathie los, Widerstand gar nicht zu beginnen. Aber die EU spielt eine dumme Rolle, die US werden wiederaufbauen, und Europa wird zahlen.
Ich hätte den Ukrainern geraten, mit ihrem militärischen Widerstand gar nicht zu beginnen! Jetzt ist die halbe Ukraine ein Trümmerhaufen, der Hass nach unzähligen Toten auf beiden Seiten größer als zu Beginn im Feb 2o22, und die Chancen, Putin zu besiegen, weiterhin gleich null! Und die Kosten! Aber die EU steht unter der Fuchtel der USA, die nur gewinnen.
Das N-Wort
Ich stimme Ihrer Analyse weitestgehend zu, insbesondere den Hinweis auf den antiaufklärerischen Charakter der „woken“ Sprachkultur finde ich treffend.
Das „Infantile in dieser Haltung“ (letzter Absatz) ist aus meiner Sicht aber für ein Verständnis des Phänomens nicht relevant. Dass sich dieser sprachliche Unfug im Westen (wo denn sonst noch?) entfalten konnte, rechne ich dem geopolitischen Paradigmenwechsel (F. Fukujama, S. Huntington) nach Implosion des Sowjetsystems (1989/90) zu. In die neue Phase der Globalisierung (nur ein Hegemon – USA) passten die gewohnten auf vertikale Umverteilung fokussierenden politischen Kategorien nicht mehr hinein. Schritt für Schritt hat sich dann der öffentliche Diskurs gewandelt.
Bei uns begann es in den Neunzigern mit dem Binnen-I. Ich kann mich daran sehr gut erinnern, weil ich mich angfänglich selbst daran beteilgt habe. Damit wurden Frauen gegen Männer gesellschaftlich in Stellung gebracht, nicht mehr „Arbeiter“ gegen „Kapitalisten“ (vertikale soziale Ungleichheit). Ich nenne das den „cultural turn“ – Klassenkampf wird im öffentlichen Raum zu Kulturkampf politisch umgesteuert. Aus den vertikalen sozialen Konflikten (Arbeiter vs Kapitalisten) werden horizontale Konflikte (z. B einheimische Arbeiter gegen ausländische Arbeiter) – Umverteilungsdiskurse werden durch Anerkennungsdiskurse ersetzt.
