Die „Tagesschau“ der ARD hat noch im Februar 2021 in einem Faktencheck dementiert, dass eine australische Uni das Wort Mutter abschaffen wolle. Alles Fake-News! Ein gutes Jahr später hat die „Tagesschau“ es dann selbst abgeschafft. In einem Online-Bericht hat die Redaktion das Wort Mutter durch entbindende Person ersetzt. Begründet hat die „Tagesschau“ später ihre Wortwahl damit, dass man niemanden diskriminieren wollte. Wen genau man schützen wollte, wurde nicht gesagt. Gemeint ist offenbar die LGBTIQ+-Gemeinde. So soll etwa verhindert werden, dass bei einem lesbischen Paar nur die eine Frau als Mutter gilt, die andere aber nicht. Nehmen wir das Argument einmal für einen Moment ernst und gleichsam beim Wort: Was spräche eigentlich dagegen, beide lesbischen Frauen als Mütter zu bezeichnen und nur eine von beiden, sofern der Kontext es erfordert, als leibliche Mutter?
Rückfall in vor-emanzipatorische Zeiten
Wie so oft, wenn Ideologie sich sprachlich den Menschen zurechtmacht, schlägt das Gutgemeinte dialektisch ins Menschenfeindliche um. Dazu ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns ein Hetero-Paar vor, das bislang kinderlos geblieben ist. Es adoptiert ein Kind, das noch klein genug ist, um die neue Familie selbstverständlich als Eltern anzunehmen. Zwischen dem Kind und der Adoptivmutter entsteht eine Beziehung, die alle Merkmale mütterlicher Liebe in sich trägt: Fürsorge, Zärtlichkeit, Nähe. Niemand hätte es bisher als befremdlich empfunden, wenn die adoptierende Frau sich als Mutter des Kindes bezeichnet. Würde sich indes die Sprachregelung der „Tagesschau“ durchsetzen, dann dürfte die Frau das nicht mehr. Ja, mehr noch, sie wäre noch nicht einmal eine Adoptivmutter, denn das Wort wäre ja im Gender-Sprech ein Widerspruch in sich. Eine Mutter ist eine entbindende, keine adoptierende Person. Was wäre die Frau mit ihrem Adoptivkind dann? Eine Adoptions-Bezugsperson? Das wäre der Adoptivvater auch.
Der Preis für die vermeintlich antidiskriminatorische Tilgung der Mutter ist eine echte Diskriminierung der Frau. Denn die Person, bislang Mutter genannt, soll sich künftig nicht mehr dadurch auszeichnen, dass sie Zeit ihres Lebens ein mütterliches Gegenüber für einen anderen Menschen ist. Sie ist jetzt als Entbindende begrifflich auf ihre Reproduktionsfähigkeit reduziert. Zeugungsfähige, aber kinderlose Frauen wären in dieser Logik wohl Menschen mit Menstruationshintergrund und brachliegender Gebärfunktion. Ein kruder Rückfall in vor-emanzipatorische Zeiten.
Die besamende Person
Nebenbei: Was ist eigentlich mit dem Vater? Warum ist das Wort Vater nicht längst ebenso obsolet? Wird bei einem schwulen Elternpaar etwa nicht derjenige Partner vermeintlich diskriminiert, der sich als Vater eines Kindes fühlt, obwohl er es nicht gezeugt hat? Was aber wäre dann im Sinne der „Tagesschau“-Sprachlogik die gender-korrekte Bezeichnung? Die entbindende Person als Ersatz für die Mutter orientiert sich ja an der Funktion bei der Entstehung neuen Lebens. Was wäre dabei das Äquivalent für den Mann? Zeugende Person trifft es als Unterscheidungskriterium nicht, denn an der Zeugung ist auch die Frau beteiligt. Der stofflich-reale Beitrag des Mannes zum Zeugungsakt ist sein Samen. Der zutreffende Surrogat-Begriff für den Vater wäre demnach, je nachdem ob es sich um natürliche oder künstliche Zeugung handelt, die besamende oder die spermaspendende Person.
Nun soll ja die verordnete Sprache nicht nur geschrieben, sondern irgendwann auch gesprochen werden. Man stelle sich folgende Alltagssituation vor: Beim Elternsprechtag taucht diesmal überraschend der andere Elternteil auf, und die Lehrerin sagt erfreut zum Kind: „Bisher ist immer nur nur deine gebärende Person gekommen. Wie schön, dass sich auch mal deine besamende Person blicken lässt!“
Der Ablehnung des Begriffs leibliche Mutter liegt – wie in vielen Gender-Bezeichnungen – eine naserümpfende Leibfeindlichkeit zu Grunde, als würde man es als Zumutung empfinden, sich bei der Wahl der Worte immer noch mit der Natur des Menschen herumplagen zu müssen. Gemacht soll der Mensch sein – nicht gewachsen und geworden! Konstruiert, dekonstruiert und im postmodernen Gender-Baukasten neu zusammengesetzt. Und die Sprache hat dem gefälligst Rechnung zu tragen!
Mutterseelenallein
Bleibt die Frage, ob sich die Tilgung der Mutter künftig durchsetzen wird. Immerhin hat die Redaktion eines Öffentlich-Rechtlichen Senders versucht, das Wort auf die schwarze Liste zu setzen. Zwar wurde der Beitrag nach heftigen Protesten in den Sozialen Medien geändert, die Mutter darf wieder Mutter heißen. Doch die Gender-Strategie ist die altbewährte: Man versucht etwas, wagt sich vor, wartet ab, wie die Öffentlichkeit reagiert, rudert vorerst zurück und versucht es wieder und wieder. So lange, bis alle, die dabei nicht mitmachen, als reaktionär gelten. Werden künftige Duden-Redakteure also das Wort Mutter bald als „veraltet“ oder gar als „diskriminierend“ markieren müssen?
Es scheint indes, als habe die Gender-Polizei diesmal den Bogen überspannt. Denn der Versuch, die Mutter abzuschaffen, ist der bisher ärgste Eingriff in ein ungemein emotional aufgeladenes Sprachfeld. Die Mutter hat tiefe Spuren im Seelenleben der Sprache hinterlassen. Wer der Mutter sprachlich zu Leibe rückt, hat jedes Gefühl für die Wirkmacht der Mütterlichkeit verloren. Man lausche einmal dem beseelten Ausdruck einer Billy Holliday, wenn sie singt: Sometimes I feel like a motherless child. Ein Mensch, der in der denkbar größten Einsamkeit versinkt, ist mutterseelenallein. Jemandem die Mutter zu ersetzen ist eine Aufgabe, die an die Grenzen des Menschenmöglichen gerät.
Zugleich hat sich in der Sprache die Ambivalenz der Muttermacht niedergeschlagen. Jemanden bemuttern beinhaltet zwar durchaus die Fürsorge, die einer Mutter eigen ist, aber es bedeutet auch: jemanden sanft bevormunden. Wenn ein Junge eine übermächtige Bindung an die Mutter hat und nicht mehr von ihr loskommt, dann läuft er Gefahr, ein Muttersöhnchen zu werden – eine wenig schmeichelhafte Charakterisierung, für die es interessanterweise keine weibliche Entsprechung gibt.
Die Mutter aus dem Wortschatz verbannen zu wollen ist nichts weniger als ein Angriff auf die Seele des Menschen selbst. Die Sprache führt es uns vor Augen. Es gibt keine schöneren Metaphern für die Verbundenheit und den Einklang mit der Welt als Mutter Natur und Mutter Erde.
