Ein Leser bescheinigt mir in einem Posting, ich würde in einem „Standard“-Essay die stereotype Sicht des alten weißen Mannes vertreten. Die Kritik trifft ins Schwarze: Ich bin weder jung, noch schwarz noch weiblich. Zwar sagt der Leser mit keinem Wort, was an meinen Gedanken typisch alt, weiß oder männlich sei. Das braucht er auch nicht. Der Vorwurf, vielmehr die Etikettierung, ist nie der Beginn einer Diskussion, sondern stets ihre Unterbindung. Man will niemanden zum Nachdenken bringen, sondern zum Schweigen.
Ich habe die Schmäh-Etikette „Alter weißer Mann“ nun schon so oft gehört, dass ich mir ein Bild machen kann von den Menschen, die sie gern verwenden. Es sind stets überzeugte Gegner jeder Ungleichbehandlung. Sie sind sensibel, kennen keine Vorurteile und brennen für die universellen Menschenrechte. Sie würden auf der Stelle folgende Deklaration unterschreiben: „Kein Mensch darf aufgrund seines seines Alters, seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts diskriminiert werden!“
It’s a man’s world
Mein ganz persönlicher Prototyp des alten weißen Mannes ist Ben Cartwright aus der Fernsehserie „Bonanza“. Der ewig weißhaarige Patriarch war eine der (groß)väterlichen Heldenfiguren meiner Kindheit. Cartwright herrscht mit reifer Milde und moralischer Strenge über seine Ranch „Ponderosa“.

Das Bemerkenswerte an dieser familiären Westernwelt ist die völlige Abwesenheit des Weiblichen. Cartwright hat drei Söhne, den bulligen Pfundskerl Hoss, den Mädchenschwarm Little Joe und den faden Adam, der so farblos ist, dass er auf dem nebenstehenden Familienfoto nicht einmal auftaucht.
Jeder der Söhne hat eine andere Mutter, und jede dieser Mütter ist verstorben. Zwar tauchen im „Bonanza“-Kosmos immer wieder Frauenfiguren auf, die Unruhe in die exklusive Männerwelt bringen, aber das maskuline Quartett plus chinesischem Koch Hop-Sing, bleibt immer unter sich. It’s a man’s world.
„Ich liebe Flintas mit Flinten“
Diese virile Bonanza-Konstellation wurde zum Archetyp für Dutzende Patriarchen-Filme und -Serien, bis hinauf zu der jüngsten Paramount-Produktion „Yellowstone“. In ihr spielt der westernerprobte Kevin Kostner den Patriarchen John Dutton, der über eine Rinderranch in der Größe Österreichs gebietet und mit rauen Methoden dem Zeitgeist und den Geschäftsinteressen der Gegenwart trotz. Ebenso wie Ben Cartwright hat auch John Dutton drei unterschiedliche Söhne, und auch er ist Witwer. Aber auf seiner Yellowstone-Ranch fehlt das Weibliche keineswegs, ganz im Gegenteil. Es ist überaus präsent in Form seiner Tochter Beth Dutton.
Beth ist die wahre Strippenzieherin auf der Ranch, skrupellos, ungemein trinkfest und von einer geradezu diabolischen Energie beseelt, die sich in bedingungsloser Loyalität zu ihrem Vater manifestiert. Sie ist eine moderne Geschäftsfrau, liebt teure Sportwagen und lebt ihre Direktheit ständig bis an die Grenze der Vulgarität aus. Wenn’s denn sein muss, geht sie auch einer Saloon-Schlägerei nicht aus dem Weg. Was Entschlusskraft, Zielstrebigkeit und Cleverness anlangt, ist sie der Männerwelt auf der Ranch um Haupteslänge überlegen. It’s a man’s world war einmal, so ändern sich die Zeiten, selbst im Wilden Westen.
Einmal habe ich eine Folge dieser Serie gemeinsam mit einem Freund angeschaut, der wie ich seit Kindesbeinen eine Schwäche für Westernfilme hat. In einer Szene taucht besagte Beth Dutton in voller Imposanz mit einem Gewehr in der Hand auf, und mein Freund kommentierte spontan: „Ich liebe Flintas mit Flinten.“ Ich hatte bis dahin den Begriff Flinta noch nie gehört und hielt ihn zunächst für eine Abkürzung oder Verballhornung von Flintenweib.
Flinta oder LGBTQIA+?
Wenige Tage darauf wurde ich jedoch eines Besseren belehrt. In einem Stelleninserat erfuhr ich, dass das suchende Unternehmen divers aufgestellt sei und durchaus auch Bewerbungen von Flintas berücksichtigen werde. Nun ist kaum anzunehmen, dass die Firma auf der Suche nach einer Mitarbeiterin vom Schlage Beth Duttons ist, die wahrscheinlich in kürzester Zeit die halbe Belegschaft unter den Tisch saufen, den Geschäftsführer vermöbeln und das Büromobiliar zerlegen würde. Darum wurde ich neugierig und recherchierte die Bedeutung des Begriffs.
Es handelt sich um ein Akronym aus der Genderwelt. Jeder Buchstabe in Flinta steht für eine Gruppe von Menschen: F für Frauen, L für Lesben, I für Intersexuelle, N für Nonbinäre, T für Transsexuelle und A für Agender-Personen. Oft folgt am Ende des Wortes noch ein Sternchen*, stellvertretend für eh alles, das sich in dieser Reihe denken lässt.
Ich war verblüfft. Hatte sich im Genderkosmos nicht gerade erst eine ganz ähnliche Abkürzungsformel etabliert: LGBTQIA+? Wozu jetzt die neue Abkürzungsformel Flinta, was ist der Unterschied? Jetzt wird’s wirklich subtil. Während LGBTQIA+ auf die sexuelle Orientierung eines Menschen abzielt, fasst Flinta die verschiedenen Geschlechtsidentitäten zusammen. LGBetc. bezieht sich also auf die erotischen Vorlieben eines Menschen. Die Flinta hingegen benennt das Geschlecht, und zwar mit dem Ziel, Schutzräume zu schaffen, in denen sich die genannten Geschlechtergruppen sicher fühlen können. Etwa auf Partys, Workshops oder in Wohnprojekten.
Ist eine Lesbe keine Frau?
Etwas an dieser Gender-Logik ist merkwürdig. Denn welche Geschlechtsidentität hat etwa eine L aus der Flinta-Buchstabenreihe? Ist eine Lesbe etwa keine Frau? Und ist Lesbisch-Sein etwa keine sexuelle Orientierung? Verliert eine Frau ihre weibliche Identität, sobald sie eine andere Frau begehrt? Hier verschwimmen sexuelle Vorlieben und geschlechtliche Identität im schier unendlichen Farbspektrum über dem Regenbogen. In dem Willen, den modernsten Platz in der woken Genderwonderwelt einzunehmen, geraten die Kategorien durcheinander, der Buchstabenreigen wird immer unübersichtlicher bei dem Bemühen, alle anderen alt und antiquiert aussehen zu lassen.
Ein Ausschlusskriterium fürs Flinta-Fest ist aber eindeutig: Männer dürfen nicht hinein! Das betrifft übrigens nicht nur alte weiße Männer. Auch junge, schwarze, schwule, queere Männer kommen am Flinta-Türsteher nicht vorbei. Sie haben einfach die falsche Geschlechtsidentität. Sollen sie doch ihre LGB-etc-Partys besuchen.
Napoleon und Donald Trump
Die Revolution beginnt offenbar, ihre eigenen Kinder zu fressen. Karl Marx hat gesagt, Geschichte ereignet sich immer zwei Mal, das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Er hatte dabei die Französische Revolution im Blick. Damals war die Personifizierung der siegreichen Gegenrevolution Napoleon Bonaparte. Heute ist die fleischgewordene Leitfigur der Gender-Gegenrevolution Donald Trump. Mehr Farce geht nicht.
„Ich liebe Flintas mit Flinten“, hatte mein Freund beim Anblick der modernen Westernheldin in der „Yellowstone“-Serie gesagt. Ich bin mir natürlich bewusst, dass wir hier hart an der Grenze des Herrenwitzes vorbeischrammen. Mein Freund ist halt ebenso wie ich ein in der Wolle geprägter alter weißer Mann, mit einer Vorliebe für Wild-West-Filme. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass den Erfindern des Begriffs Flinta nicht die geradezu zwangsläufige Assoziation zur Flinte bewusst war. Und da das F wie Frau am Beginn des Wortes prangt, ist der gedankliche Schritt zum Flintenweib nicht weit. So naiv kann keiner sein. Zumal es ja um sichere Schutzräume für vermeintlich bedrohte Personen geht.

Der Duden definiert das Flintenweib als abwertenden Begriff, der entweder veraltend für eine Frau steht, die eine Feuerwaffe trägt, oder salopp eine Frau bezeichnet, „deren kompromissloses Auftreten und deren (übersteigertes) Selbstbewusstsein als unangenehm empfunden wird“.
Das trifft auf die Ranch-Amazone Beth Dutton zweifellos zu, aber ebenso auf glühende Flinta-Fans, die mit Zähnen und Klauen den neuen Begriff verteidigen. Da wird nicht lange gefackelt und bisweilen auch scharf geschossen.
Das bekam auch Gertraud Klemm zu spüren, eine feministische Autorin, die ihre Wurzeln in der Vor-Flinta-Zeit hat. In einem Standard-Artikel lehnte sie den Flinta-Begriff entschieden ab. Und sie tat es mit folgendem Argument: „Ich halte es für zynisch, die Existenz von Geschlecht zu hinterfragen, während zeitgleich Abermillionen von Frauen wegen ihres Geschlechts weltweit genitalverstümmelt, zwangsverschleiert, entrechtet, pränatal abgetrieben und unterbezahlt werden.“ Ein starkes Argument, finde ich. So stark, dass die Flinta-Fans erst gar nicht versuchten, es zu entkräften. Sie griffen lieber gleich zur Flinte mit schwerem Kaliber.
Gertraud Klemm war nämlich als Autorin für eine Anthologie im Leykam-Verlag vorgesehen, mit dem prächtigen Titel „Das Pen!smuseum“. (Das Ausrufezeichen ist übrigens kein Tippfehler.) Nach ihrem „Standard“-Artikel erntete Klemm aber einen Shitstorm, ihr wurde vorgeworfen, eine TERF zu sein. Wieder so eine Abkürzung, die einem lange Denkwege erspart. Sie steht für „trans-ausschließende Radikalfeministinnen“. Eine TERF im Pen!smuseum? Das brachte das Flinta-Blut endgültig in Wallung. Die Herausgeberinnen der Anthologie, Mareike Fallwickl und Eva Reisinger, entschieden kurzerhand, Klemms Beitrag aus der Anthologie zu canceln. Heute braucht eine Flinta keine Flinte mehr. Wozu noch totschießen? Mundtot machen reicht völlig.
