Als Kind war ich ein leidenschaftlicher Comic-Fan. Mein ganzer Stolz war eine Sammlung von berühmten Abenteuergeschichten. An ein Bild aus einem solchen Comic erinnere ich mich bis heute. Es zeigt einen reifen, bärtigen Mann mit Turban, der versonnen auf das Meer hinausblickt. Es ist Sindbad der Seefahrer. Nach all den abenteuerlichen Jahren ist er am Ende in seine Heimat zurückgekehrt, wo er zurückgezogen mit seiner Frau lebt. Der Text unter dem Bild lautete: „Doch von Zeit zu Zeit zieht es Sindbad an den Strand. Und dann überfällt ihn wieder das alte Fernweh.“
Obwohl ich damals noch alle Abenteuer des Lebens vor mit hatte, glaubte ich zu ahnen, was der alte Abenteurer in diesem Moment empfand. Ich hatte schon den schlimmen älteren Bruder des Fernwehs kennengelernt, das Heimweh, das für ein Kind ein existenzielles Bedrohungsgefühl sein kann. Gemeinsam ist beiden Wortgeschwistern der Familienname, das Weh. Ein seltsames Wort. Wenn mir als Kind etwas wehtat, spürte ich es im Bauch oder in einem Zahn. Aber was war das für ein sonderbares Weh, das einen befällt, wenn man quälend fern von seinem Heim ist oder umgekehrt dem Heim ganz fern sein will?
Die Österreicher haben sprachlich einen sanfteren Umgang mit dem Wehtun als wir Deutschen. Sie leihen das Weh auch gern dem Körper, sie kennen das Kopfweh und das Zahnweh. In meiner Kindheitswelt gab es für solche Widrigkeiten nur den Schmerz, und das gleich in der Mehrzahl: als Kopfschmerzen und Zahnschmerzen. Wie anders das schon klingt: Schmerz und Weh. Hier lauter knirschende Konsonanten und dazwischen ein kurzes, trockenes ä: Schmerz. Dort ein langes, gehauchtes e, das mit sanftem Atem in die Welt hinausgeweht wird.

So wie das Fernweh klingt, so fühlt es sich auch an. Es liegt etwas Vage-Ahnungsvolles darin, etwas Wohlig-Ungeformtes, das sich rasch verflüchtigt, sobald man es ins Konkrete zwingt. Darum ist das Meer mit seiner grenzenlosen Ungegliedertheit eine so gute Projektionsfläche dafür. Fernweh ist denn auch etwas anderes als seine ewig aufgekratzte Cousine, die Reiselust. Auch wenn einem die Marketingabteilungen der Tourismusindustrie weismachen wollen, das das ein und dasselbe sei.
Es ist kein Zufall, dass das Wort Fernweh in der deutschen Romantik aus der Taufe gehoben wurde, einer Zeit, als das rationale Korsett der Aufklärung an manchen Stellen zu zwicken begann. Im Fernweh liegt das aufregende Gefühl, dass es noch etwas jenseits der engen Grenzen des bisherigen Lebensbezirks geben muss. Was und wo auch immer. Das kann für einen Teenager die Hoffnung sein, dass das Elternhaus, das Dorf, die Schule, also all das, was einem beständig die Flügel stutzt, doch nicht alles gewesen sein kann. Was mag da noch alles auf einen warten, da draußen, hinter dem Horizont.
Wenn man sich diesem Gefühl hingibt, dann wird etwas eigentümlich weit in einem. Dann dehnt sich das Innere nach außen, dann lösen sich für einen schwer in Worte zu fassenden Moment die eigenen Grenzen in der gefühlten Grenzenlosigkeit der Welt auf. Die Romantik mit all ihrem Fernweh nach dem Unbegrenzten hat nicht ohne Grund die religiöse Transzendenz wiederentdeckt, nachdem die Aufklärung die Religion in ihre Einzelteile zerlegt hatte. Natürlich war man da nicht immer vor schwärmerischer Gefühlsduselei und Larmoyanz gefeit. Das Weh steckt nicht nur in der Wehmut, sondern auch in der Wehleidigkeit. Und doch: Wenn ich an mein Sindbad-Comic zurückdenke, dann befällt mich ein Heimweh nach der Zeit, in der ich begann, das Fernweh zu entdecken.
Es ist aufschlussreich, wenn man sich in den digitalen Wörterbüchern ansieht, wann das Wort Fernweh sprachgeschichtlich Hochkonjunktur hatte und wann es in einen Dornröschenschlaf gefallen ist. Einen regelrechten medialen Boom hatte das Wort noch einmal 2020, doch in den beiden Folgejahren ist das Wort wieder ebenso steil abgestürzt. Da spiegelt die Seelenlage in der Corona-Zeit wider, der Wunsch, dem Ein- und Ausgesperrtsein zu entkommen. Und kurz darauf die Einsicht, dass die Ferne bereits im Wienerwald beginnen kann. Wie fern muss die Ferne denn sein?
Ich gestehe, ich hatte in dieser Zeit seit Langem wieder ein Gefühl von Fernweh. Der Sehnsuchtsort dafür war Schweden, wo es kein Ein- und Ausgesperrtsein gab. Selten habe ich aus der Ferne ein Land so bewundert und beneidet, für seinen Mut und seine Besonnenheit. Hier schließt sich der Kreis zu meinem Sindbad. Er hatte damals nämlich eine starke Konkurrentin in der Riege meiner Lieblingsfiguren. Es war ein mutiges Mädchen mit roten Zöpfen, das aus Schweden stammte.
Der Text wurde für die Innsbrucker Wochenendgespräche 2026 verfasst.
