Leserpost

Eine Auswahl aus den Leserzuschriften.

Die entbindende Person

Eine „entbindende Person“ kann es nur kurz geben, d. h. nur so lange, wie jene eben gerade entbindet, demzufolge eine vollinhaltlich als Mutter geltende Person korrekter Weise als „entbunden habende Person“ bezeichnet werden müsste. Als solche ist sie selbstredend eine „Frauensperson“ (eine in Österreich allerdings abwertende Bezeichnung). Jemand überhaupt mit „Person“ anzusprechen, hat einen zumindest distanzierten Unterton (es sei denn als „Respektsperson“). Wäre ich eine Frau, würde ich mir eine derartige Diskriminierung nicht gefallen lassen und auf der Bezeichnung „Mutter“ bestehen und mich von der „entbindenden Person“ entbinden.


Angesicht solch sprachlicher Zumutung – wie „entbindende Person“ statt Mutter –  ist man fast sprachlos. Umso wichtiger, dass Sie dennoch dazu die goldrichtigen Worte gefunden haben. Diesen und ähnlichen ideologiegetriebenen woken Sprachschöpfungen verdanken wir u. a. die ebenso extremen Gegenbewegungen wie Trumps MAGA, die AfD, FPÖ, Fidesz etc., denen die regelbasierte Demokratie ein Dorn im Auge ist, die es zu beseitigen gilt. Das Gendern ist eine Verhunzung der Sprache. Meine Ansicht finde ich darin bestärkt, dass – danach befragt – selbst Schriftstellerinnen das Gendern schlichtweg ablehnen. Meine Frau (4-fache Mutter und Germanistin) stimmt vollinhaltlich mit mir überein.


Difficile est satiram non scribere, ergo … : Das Partizip Präsens „entbindende Person“ für Mutter ist schon deshalb sprachlich sinnlos, weil die Mutter zwar während der Entbindung („Mutter“ beginnt laut KI mit dem Beginn der Geburt) für kurze Zeit eine „entbindende Person“ ist, nach der Entbindung aber, sobald die „entbundene Person“ den Akt des „Entbunden-Werdens“ hinter sich gebracht hat, eben KEINE entbindende Person mehr ist. Wenn schon, dann – meist für längere Zeit – eine „entbunden habende Person“.

Wachstum – ein Tabu

Ich denke nicht, dass „der Niedergang der Religionen ein enormes Vakuum hinterlassen hat“. Sind sie doch Opium fürs Volk, oder, was mir viel besser gefällt: Nicht Gott hat die Menschen erschaffen, sondern die Menschen haben Gott erschaffen (Ludwig Feuerbach).  Der Mensch braucht wohl ein höheres Wesen, das ihn führt, kontrolliert, auch straft, wenn er/sie Unrecht getan hat. Je höher der Entwicklungsstand, umso höher die Konstruktion der Konfession, umso aufwendiger ihre Institutionen. Bei den Comanche gab es ein Wesen hinter der Sonne, bei den Buchreligionen große Einrichtungen mit viel Gepränge und Macht.

Das grenzenlose Wachstum reden uns die Ökonomen etc ein, halte ich auf einem begrenzten Planeten für Unsinn. Sollen wir nicht viel einfacher leben, mit der Natur, nicht gegen sie, was immer mehr junge Aussteiger uns vorführen. Ihre Vorstellungen sehen viele als Ersatzreligion, was ja den Feuerbach bestätigen dürfte. Europa befindet sich sowieso im Niedergang, der Schotte Murray findet ein Eingeständnis der Schuld als Ursache. Europa hat unglaublich viel verbrochen, nicht die Öreicher und die Dt, sondern die Briten, Franzosen zuerst! Jetzt werden wir islamisiert, von Menschen auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe dominiert, wir haben weder den Durchblick noch den Mut, uns endgültig zu wehren, es ist sehr bald zu spät. Schade um unsere herrliche Kultur und Lebensweisen!


Hier einige rudimentäre, thesenhafte Gedanken von mir zu Ihrem engagierten Text über Wachstum: 

a) Ökonomisch reduziert sich „Wachstum“ auf Zahlungen in einem Zeitabschnitt (BIP). Das bedeutet in meinem Verständnis, dass dazu nicht immer mehr „Natur“ verbraucht werden muss. Wenn Sie von den Lesern Ihres Blogs eine Bezahlung verlangten, wäre das ein wachstumrelevanter Beitrag zum BIP in Österreich. 

b) Wachstum in diesem Sinne ermöglicht eine dynamische Stabilisierung von Gesellschaften, weil dadurch im Unterschied zu traditionellen Verhältnissen immer wieder neue/interessante Tätigkeitsfelder entstehen, die trostlose Wiederholung des immer Gleichen wird aufgehoben.

c) Die historische Möglichkeit dazu wurde durch die Reformation in Europa geschaffen, die latent Erlösung im Dieseits verspricht (Beruf/Arbeit als gottgefällig). Deshalb bewegt der „Ewig-leben“-Diskurs besonders protestantische Denominationen in den USA (dazu schon in den Siebzigern Umberto Eco in „Hyperreality“).

d) Demokratie ohne Wachstum ist nicht möglich, weil, wenn keine neuen Aufstiegsfelder entstehen, die Machthaber sich autoritär abzusichern versuchen. Die Idee einer „grünen Diktatur“ zur Weltrettung hat ihren Ursprung nicht zufällig bei dem DDR-Philosophen Wolfgang Harich.

e) Persönlich sehe ich zwischen Mensch und Natur keinen Widerspruch. Im Menschen ist die Natur sich selbst bewusst geworden (oder so ähnlich).

Ja, wir sollten alles tun um CO2- und Methan-Ausstöße zu reduzieren. Alles Vernüftige. Denn die Koste-es-was-es-wolle-Reduktion bringt am Ende trotz weniger Emissionen keinen Gewinn fürs Klima. Dazu vergleiche Europa-Emissionsrückgang im letzten Jahrzehnt mit Klimaänderungen. Da ist nix! Solange mir keiner auf Punkt und Komma den Anteil der kosmischen Einflüsse nachweisen kann (besser: will), ist es auch nicht redlich, den Mensch gemachten Anteil daran für alles alleine verantwortlich zu machen.
Und noch ein Apokalypse-Szenario gilt es abzuklären: „Wenn alles Eis so weiter schmilzt, steigt der Meeresspiegel noch bis zur Mitte des Jahrzehntes um mindestens einen halben Meter, eher noch mehr.“ Nun, in den letzten 60 Jahren sind die Alpengletscher um 60% geschmolzen, die Polkappen etwas weniger. Der Meeresspiegel jedoch um vier Zentimeter. Da haben unsere Klima-Apokalyptiker aber noch einige Mathestunden nachzuholen.

Boots on the Ground

Ihre Überlegungen zu „Boots on the Ground“ lassen bei mir Erinnerungen an Herbert Marcuse und sein Buch „Der eindimensionale Mensch“ (1964) wach werden. Darin geht es auch um die „Verkürzung der Sprache“. Ein Konzept, das beschreibt,  wie Sprache in modernen Gesellschaften funktionalisiert wird, um kritisches Denken zu unterdrücken und Herrschaft zu festigen. Wenn heute ein Soldat (sagt man das noch?) in der Ukraine sein Leben lässt, dann ist er in den Medien nicht „gefallen“, sondern einfach gestorben. Für mich ist da semantisch ein großer Unterschied.

Fernweh

Interessant, dass Sie bei Ihren Reflexionen über „-weh“ nicht auf die Geburtswehen
 gekommen sind. Es könnte sein, dass sowohl Fernweh als auch Heimweh zuvörderst auf unser In-die-Welt-Treten zurückgeht. Heimweh als Sehnsucht nach den Eltern – zurück in den Uterus (Wunsch nach Sicherheit). Fernweh als vom Sexus getriebene Sehnsucht nach dem idealen Partner (Wunsch, Neues zu erleben). These: Mit abnehmendem Testosteron geht bei Männern auch das Fernweh (Abenteuerlust) zurück.