Die derzeitigen Berichte über den Ukraine-Krieg lassen ein Bild entstehen, das an den Schützengraben-Horror des Ersten Weltkriegs erinnert. Die Fronten sind festgefahren, die Kämpfe bringen nur noch geringe Geländegewinne – und das bei so großen Verlusten an Menschenleben, dass auf beiden Seiten die Soldaten knapp werden. Das Neue daran: Gestützt wird das sinnlose Töten durch Produkte moderner Digitalisierung: Satelliten und Drohnen.
Bei diesem Szenario wird allzu leicht vergessen, dass eine der beiden kriegführenden Parteien eine hochgerüstete Atommacht ist. Die Gefahr wurde aktuell noch einmal akut, als Russland die Urkaine mit Oreschnik-Raketen angegriffen hat. Es sind Mittelstreckenraketen, die mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden können und so schnell fliegen, dass sie kaum abzufangen sind. Die atomare Bedrohung konnte so leicht in Vergessenheit geraten, weil sie von Anfang an kleingeredet wurde. Wenn Russland betont, sich alle Optionen offen zu halten, auch die nukleare, dann wird das als „nukleares Säbelrasseln“ abgetan. Die Antwort derjenigen, die nur eine Option kennen, nämlich den Sieg der Ukraine, lautet immer wieder: Putin blufft nur.

Schon die Metapher des Bluffs wirkt seltsam. Wer blufft, tut nur so, als hätte er etwas in der Hinterhand. Ein bluffender Pokerspieler etwa setzt Unsummen ein, um den Eindruck zu erwecken, er habe einen Royal Flash auf der Hand. Dabei verfügt er in Wahrheit nur über ein mageres Zwillingspärchen.
Die Metapher ist also schief. Denn Putin tut nicht so, als verfüge er über Atomwaffen, er besitzt sie wirklich. Der Bluff bezieht sich nicht auf die Frage, was er in der Hand hat, sondern ob er entschlossen und skrupellos genug ist, seinen Royal Flash auch auszuspielen.
Die Bluff-Rhetorik steht überdies in einem seltsamen Kontrast zu dem Bild, das man bald nach dem Angriff auf die Ukraine von Putin zeichnete. Es war das eines skrupellosen Diktators, der nur ein Ziel kennt: das untergegangene Sowjetreich wiederzuerrichten. Ja, sogar einen Angriff auf Westeuropa traute man ihm zu. Vergleiche mit Hitler wurden laut, die Forderung nach Friedensverhandlungen als „Lumpen-Pazifismus“ oder Russland-Versteherei abgetan.
In der Unterstellung, Putin bluffe nur, liegt etwas Rotzig-Abgebrühtes. Sie baut darauf, dass die Abschreckungslogik des Kalten Krieges noch trägt: Wer mit Atomraketen angreift, muss mit der atomaren Vernichtung des eigenen Landes rechnen. Was aber, wenn die Vergleiche mit Hitler wirklich zutreffen? Wie reagiert ein größenwahnsinniger Tyrann dieses Schlages, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht? Hätte Hitler auch nur einen Augenblick gezögert, nach der Ausrufung des totalen Krieges Atomwaffen gegen die heranrückende Rote Armee einzusetzen? Zumal er die Sowjetunion gerade erst mit einer Vernichtungsstrategie der verbrannten Erde geräumt hatte.
Die sichere Niederlage vor Augen, hat Hitler geäußert: Ein Land, das nicht siegen kann, soll untergehen. Er hat sein eigenes Land damit gemeint und erließ den berüchtigten „Nero-Befehl“: die systematische Zerstörung aller Industrie-, Versorgungs- und Verkehrsanlagen sowie landwirtschaftlicher Güter in Deutschland. Der Befehl wurde nicht mehr ausgeführt. Eine nukleare Zerstörung als Antwort auf einen Erstschlag wäre für Hitler nur die verdiente Götterdämmerung eines sieglosen Volkes gewesen. Es war einer der größten Glücksfälle der Menschheitsgeschichte, dass nicht das Dritte Reich den Wettlauf um die Atombombe gewonnen hat.
Die Bluff-Rhetorik passt zu einer sprachlichen Unsitte, die seit einiger Zeit völlig unreflektiert von vielen Journalisten übernommen wurde: nämlich das politischen Geschehen in Kategorien des Spiels zu beschreiben. Politische Akteure sind plötzlich zu Playern geworden, die auf einer politischen Bühne agieren. Als der deutsche Bundeskanzler zum Ukraine-Gipfel ins Kanzleramt lud, titelte ein politischer Podcast mit großer Reichweite: „Der Kanzler geht all in“. All in – wieder so ein Fachausdruck aus der Pokersprache. Alles auf eine Karte setzen ist zwar auch eine Metapher aus der Welt des Spiels, aber viel zu altmodisch. All in klingt cooler, smarter, zeitgemäßer. Es passt auch besser zu den Playern. Ein bedenklicher Unernst hat sich in die Sprache geschlichen, gerade dort, wo es um die ernstesten Belange geht. Wer in diesen Kategorien denkt und schreibt, vergisst allzu leicht, was wirklich auf dem Spiel steht.
