Unter Journalisten hat sich ein neuer Begriff für einen Zeitungstext etabliert. Während man früher sagte: „Ich habe einen Artikel vom Kollegen X gelesen“, heißt es heute oft: „Ich habe ein Stück vom Kollegen Y gelesen.“ Warum ein Stück? Eine neue Bezeichnung ist es im Grunde nicht, es stammt aus der traditionellen Druckersprache. In der Zeit des klassischen Bleisatzes gossen die Setzer den Artikeltext in Blei. Dabei einstand ein Werkstück, das in die Druckform eingepasst wurde. Freie Journalisten oder Korrespondenten bekamen kein festes Gehalt, sondern wurden pro abgelieferten Text bezahlt, sie erhielten einen Stücklohn.
Der Begriff Stück für Artikel ist also kein Neologismus. Neu ist nur, dass man die alte Benennung wieder aus der Klamottenkiste des Druckerhandwerks hervorgeholt hat. Vielleicht spiegelt sich darin ja eine gewisse Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ des Journalismus wider, als die große Zeitungskrise noch nicht begonnen hatte.
Für mein Gefühl drückt sich darin aber noch etwas anderes aus. Der Eindruck des Stücks ergibt sich nicht zuletzt beim Blick auf eine aufgeschlagene Zeitungsseite. Jede Seite setzt sich aus größeren und kleineren Ausschnitten zusammen, aus Textstücken, die zusammengesetzt ein Ganzes ergeben, eine ganze Seite.

Früher hatte das etwa den Vorteil, dass man einen Bericht schon optisch von einem Meinungskommentar unterscheiden konnte, obwohl beide Texte nicht selten aus derselben Feder stammten. Die Trennung zwischen Bericht und Kommentar war einmal ein heiliges Gesetz des Journalismus. Selbst der meinungsstärkste Kommentator musste im Berichtsstück zunächst einmal die Fakten darstellen, das Wer, Wann, Wo, Warum etc. Polemisch austoben konnte er sich dann nebenan im Kommentar, im Meinungsstück, wie es inzwischen heißt.
Diese ungemein wichtige Trennung scheint mir derzeit im Journalismus immer mehr zu verschwimmen. Vor allem im Podcast, wo die gesprochene Sprache die sichtbare Aufteilung in Stücke unmöglich macht, verschmelzen Bericht und Kommentar immer mehr. Ich empfehle beispielsweise, sich einmal den Podcast Okay, Amerika der „Zeit“ anzuhören, in dem wöchentlich über das politische Geschehen in den USA berichtet wird. Es ist ein durchaus interessanter Podcast von versierten, umtriebigen Auslandskorrespondenten. Doch sobald etwa der Name Donald Trump fällt, bringen die Moderatoren kaum einen Satz über die Lippen, der nicht von Abscheu, Verachtung und Polemik getränkt ist. Sosehr ich verstehe, dass dieses Prachtstück eines Präsidenten zu Hohn und Spott reizt: Auch hier – oder gerade hier – sollte so viel journalistische Redlichkeit herrschen, dass zuerst einmal die Faktenlage geschildert wird, bevor man aus allen Rohren feuert.
Sonst wird das Zeitungsstück zum Bühnenstück mit möglichst viel Theaterdonner. Sonst werden die Journalisten zu ihren eigenen Regisseuren, die sich unentwegt als kompromisslose Kassandras inszenieren. In der Aufmerksamkeitsökonomie des Internet-Journalismus glaubt man offenbar, sich die altbackene Seriosität einer Trennung von Bericht und Kommentar nicht mehr leisten zu können. Klicks bringt nur, was kräftig kracht. Es droht ständig die Gefahr des Marktschreierischen in eigener moralischer Sache. Je lauter, desto lauterer die Absicht.
Die Ersetzung von Artikel durch Stück hat aber noch eine andere Komponente. Ein Stück ist ein Ausschnitt aus einem Ganzen. Hier spiegelt sich die wachsende Fragmentierung und Unübersichtlichkeit der globalisierten Welt wider. Doch gerade ein Journalist sollte versuchen, mehr als Stückwerk abzuliefern. Kontext und Einordnung sind gerade dort wichtig, wo der Überblick schwierig ist. Eine starke Meinung kann nie eine gute Reportage ersetzen. Wer nur noch heiße Meinung liefert, klopft die Welt ständig nach dem ab, was diese Meinung stützt. Er beginnt, die eigene Perspektive mit so viel Hitze und Emphase aufzuladen, dass er den subjektiven Blickwinkel zur ganzen Welt erklärt.
Übrigens: Das Wort Artikel stammt vom lateinischen articulus, was das anatomische Fingerglied bezeichnet und zugleich auch den Teil oder Abschnitt einer Rede. Es klingt also auch im Artikel der Gedanke des Fragmentarischen an. Aber articulus hat zusätzlich noch eine metaphorische Bedeutung im Sinne von: Augenblick, entscheidender Zeitpunkt oder Wendepunkt. Im dem Wort steckt also bereits die Möglichkeit, sich von der Fixierung auf den eigenen Blickwinkel zu lösen, um das In-den-Blick-Genommene in ein umfassenderes Kontinuum der Geschehnisse einzuordnen. Genau das scheint mir im Journalismus immer mehr abhanden zu kommen. Für eine starke Meinung ist der Gedanke an die Vorgeschichte eines Ereignisses nur noch ernüchternder Ballast.
