„Wir müssen Putin beschäftigen“

Selbst in etablierten Medien macht sich eine sprachliche Verharmlosung des Krieges breit. Wie eine betont schnoddrige Wortwahl das Handwerk des Tötens bagatellisiert.

Derzeit wird viel berichtet über neue ukrainische Drohnen, die bis tief ins russische Hinterland fliegen und enorme Schäden an der Energieinfrastruktur anrichten. Sogar von einer möglichen Kriegswende ist die Rede, weil die Angriffe die russische Versorgung empfindlich schwächen. Dabei wird eine bemerkenswerte Zwiespältigkeit sichtbar. Auf der einen Seite überschlagen sich die Berichte förmlich vor Begeisterung darüber, wie sehr Russland inzwischen militärisch und wirtschaftlich geschwächt ist. Auf der anderen Seite wird eine massive Aufrüstung Europas betrieben, mit dem Argument, dass Russland ansonsten schon bald ein Nato-Land angreifen werde. Irgendwie passt das nicht recht zusammen. Ist Russland nun massiv geschwächt oder so stark und kriegstüchtig, dass es eine reale Gefahr für die Nato ist?

Besonders deutlich kam dieser Zwiespalt unlängst in dem „Zeit“-Podcast „Das Politikteil“ zum Ausdruck. Mich interessiert – wie immer in diesem Blog – vor allem die Sprache, in der sich dieser Widerspruch auslebt. Der Leiter des Moskauer „Zeit“-Büros Michael Thumann berichtet in dem Podcast, wie sehr die ukrainischen Drohnenangriffe inzwischen Putin in Erklärungsnot bringen. Nun komme es darauf an, so Thumann, den „Flow“ der Drohnen, den die Ukrainer derzeit haben, aufrechtzuerhalten und immer wieder in die russischen Raffinerien „reinzuhauen“.

Wenn der Flow und das Reinhauen denn so gut funktionieren, dann stellt sich natürlich die Frage, ob Putin überhaupt noch in der Lage ist, den Krieg über die Ukraine hinaus auszuweiten. So offenkundig liegt diese Frage auf der Hand, dass sie sogar die Moderatorin des Podcasts selbst stellt. (Was für eine „Zeit“-Redakteurin alles andere als selbstverständlich ist.) Doch Michael Thumann hat für solche Bedenken die passende Antwort: „Derzeit ist Putin wirklich stark beschäftigt.“ Was der Moderatorin den Ausruf entlockt: „Kann nicht schaden.“ Und Thumann setzt noch eins darauf: „Wir sollten ihn beschäftigt halten!“

So ist die nächste Militäroffensive wohl als eine Beschäftigungsoffensive zu verstehen. Die Zahl der kämpfenden Soldaten werden dann als Beschäftigungszahlen, die der Gefallenen als Beschäftigungsausfälle verbucht. Und am Ende wird derjenige siegen, der genügend Resilienz besitzt, um diesen nicht ganz alltäglichen Beschäftigungsdruck auszuhalten.

Einmal abgesehen von dem Zynismus, nicht nur das angreifende, sondern auch das angegriffene Land beschäftigt zu halten, um dem eigenen Land einen Krieg zu ersparen: Hier offenbart sich ein kaltschnäuziges Messen mit zweierlei Maß. Wie oft hat man Putin (zu Recht) vorgeworfen, dass er die Ukraine durch den rücksichtslosen Einsatz der Übermacht an Menschen und Material zermürben will, ohne jeden Gedanken an das Leid, das er dadurch verursacht. Jetzt, wo die Ukraine erstmals in der Lage zu sein scheint, die russische Bevölkerung zu zermürben, ist eine solche Taktik legitim. Denn sie trifft ja nur die richtigen Beschäftigten.

Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich ja die Genugtuung darüber, dass das angegriffene Land erstmals die Gelegenheit hat, dem Aggressor großen Schaden zuzufügen. Doch sollte man dabei nicht vergessen, dass diese Art der Beschäftigung den Krieg immer weiter in die Länge zieht und immer mehr Menschenleben fordert – und das ohne jede Aussicht auf ein Ende. Es wäre Zeit für eine europäische Friedensoffensive statt einer Zermürbungsstrategie, die überdies ein enormes Eskalationspotenzial in sich birgt. Denn es dürfte wohl auf der Hand liegen, dass russische Arbeitsmarktspezialisten ihrerseits dabei sind, sich neuartige Beschäftigungskonzepte für die Ukraine auszudenken.

Ob Flow, Reinhauen oder Beschäftigung – beim Reden über den Krieg macht sich eine neue Schnoddrigkeit breit, die nur dazu dient, das Handwerk des Tötens durch flockig-flotte Vokabeln zu bagatellisieren. Hinter jeder einzelnen dieser beschönigenden Worthülsen verbirgt sich Tod, Gewalt, Verletzung und ungeheures Leid.

Die Straße des Todes

Den vorläufigen Höhepunkt bei diesem neuen Unernst im sprachlichen Umgang mit dem Krieg hat das ZDF geliefert. In einer Nachrichtensendung erklärt der Militärökonom Marcus Keupp im Interview, wie erfolgreich die ukrainische Drohnenoffensive derzeit die Versorgungsinfrastruktur der Russen trifft. Während des Interviews wird ein Video eingespielt, das einen solchen Angriff auf einen LKW zeigt. Keupps Kommentar dazu: „Hier sehen wir gerade die Straße des Todes.“

Und dann fügt der Militärökonom mit einem süffisanten Lächeln hinzu: „Lustig auch die Russen, wie sie gerade noch weglaufen, bevor die Drohne einschlägt.“ In der Tat sieht man in dem Video dicht beim Lkw drei Menschen, die vor der anfliegenden Drohe davonlaufen. Zwei springen zur Seite, der dritte macht unschlüssig einen Schritt nach links, einen nach rechts, dann wird die Aufzeichnung durch die Detonation beendet. Ob die beiden Flüchtenden mit dem Schrecken oder mit Granatsplittern und Brandwunden davongekommen sind, sieht man nicht mehr. Der Dritte hat ziemlich sicher nicht überlebt, er befand sich bei der Explosion noch direkt beim Lkw.

Schon erstaunlich, was so ein Militärökonom auf der Straße des Todes nicht alles lustig findet.