„Wir werden einander viel verzeihen müssen“

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn ist zurückgetreten. Das wär längst überfällig. Denn er hat in der Corona-Zeit massiv zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen.

Jens Spahn ist als Fraktionsvorsitzender der CDU zurückgetreten. Sein Fall ist das klassische Beispiel einer kruden Diskrepanz zwischen politischer Moral und persönlichem Handeln. So spektakulär Wasser gepredigt und Wein getrunken hat schon lange kein Spitzenpolitiker mehr. Als Parteipolitiker hat er das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland mitgetragen und sogar propagiert. Zu Recht, wie ich finde. Denn das Verbot hat einen guten Grund, es verhindert die Instrumentalisierung eines weiblichen Körpers als Brutkasten für Wohlhabende mit Kinderwunsch. Als Privatmann jedoch hat Spahn mit einem Umweg über die USA den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und für sich und seinen Ehemann im Leib einer Leihmutter ein Kind austragen lassen.

Aber nicht wegen dieser zynischen Doppelmoral wird Jens Spahn mir immer im Gedächtnis bleiben, sondern aus einem anderen Grund.

Im April 2020 hatte er als amtierender Gesundheitsminister beim Beschluss des ersten Corona-Lockdowns den denkwürdigen Satz geäußert: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“

Denkwürdig war der Satz deshalb, weil man jedem Politiker in einer unübersehbaren Krisensituation zugestehen muss, im Zweifelsfall auf Nummer sicher zu gehen und zum Schutz der Bürger auch einmal übers Ziel hinauszuschießen. Denkwürdig aber auch deshalb, weil der Satz ein Fenster öffnet für eine spätere Aufarbeitung und für die Besinnung auf mögliche Fehler.

Nun sind seitdem nicht wenige Monate vergangen, sondern sechs Jahre. Und wie steht es inzwischen um Spahns prophezeiter Bitte um Verzeihung? Bei der Enquette-Kommission des Deutschen Bundestags zur Aufarbeitung der Corona-Zeit hat Spahn im Dezember 2025 wieder einen denkwürdigen Satz geäußert: Befragt nach der Wirksamkeit der Corona-Impfung hat er geantwortet: „Es war nie Ziel der Impfung – auch der WHO nicht –, dass es bei der Impfstoffentwicklung um einen Infektionsschutz gegenüber Dritten geht.“

Diesen Satz muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Denn der vermeintliche Fremdschutz durch die Impfung war ja das scheinbar schlagende Argument für das unsägliche Diktum von der „Pandemie der Ungeimpften“. Spahn selbst hat es mehrfach geäußert. Erst diese Argumentationsstrategie hat in Politik und Medien zu der ungeheuren Diffamierungs- und Hetzkampagne gegenüber ungeimpften Menschen geführt. Erst durch den Vorwurf, andere an Leib zu Leben zu gefährden, wurde die 2G-Regelung rechtfertigt, die ungeimpfte Menschen vom öffentlichen Leben ausschloss.

Auch Spahn selbst hat mehrfach in dieses Horn geblasen, etwa im November 2021, als er die 2G-Regelung mit den Worten rechtfertigte: „Wenn du mehr tun willst, als dein Rathaus und deinen Supermarkt besuchen, dann musst du geimpft sein.“ Welchen Sinn sollten derart restriktive Maßnahmen haben als die Verhinderung von Ansteckung? Und das, obwohl man zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass die Impfung nicht vor Weitergabe des Virus schützt. Abgesehen davon, dass damals jeder im eigenen Umfeld sehen konnte, wie viele geimpfte Menschen an Corona erkrankten, warnte sogar der Staatsvirologe und Scharfmacher Christian Drosten bereits im Herbst 2021 davor, von einer Pandemie der Ungeimpften zu reden, weil auch Geimpfte andere anstecken.

Hetze und Spaltung der Gesellschaft

Doch davon wollten weite Teile der aufgehetzten Öffentlichkeit nichts wissen. Leitmedien und Politik beließen die Menschen bewusst in dem Irrglauben. Nur so ist es erklärbar, dass in Deutschland eine partielle, in Österreich gar eine allgemeine Impfpflicht beschlossen wurde – im Namen der Wissenschaft, obwohl die Wissenschaft dafür keine Rechtfertigung lieferte. Ein katastrophaler Fehler, der enorm zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen hat. Er hat nicht nur die Hetze gegenüber den Ungeimpften ermöglicht, sondern auch Menschen gefährdet. Denn die Geimpften haben sich in falscher Sicherheit gewiegt, viele haben ungetestet ihre betagten Angehörigen besucht, in dem Glauben, als Geimpfte nicht mehr ansteckend zu sein.

Die Spaltung der Gesellschaft wäre nur vermeidbar gewesen, wenn ein Politiker wie Jens Spahn Ernst gemacht hätte mit seiner Ankündigung einer Bitte um Verzeihung. Eine Entschuldigung, gerichtet an jene Menschen, die aus fadenscheinigen Gründen unter Druck gesetzt, diffamiert und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden, hätte ein wichtiger Schritt zur Versöhnung sein können. Statt dessen sagt Spahn: Moralischer Druck? Den hat es doch nie gegeben. Wie denn auch? Einen Ansteckungsschutz durch die Impfung hat doch nie jemand behauptet. Eine glatte Lüge! Und eine vertane Chance aus purem Karriere-Kalkül. Nicht das Wasser-Predigen und Wein-Trinken ist Spahns ärgstes Vermächtnis, sondern die Kaltschnäuzigkeit, angesichts der ärgsten Grundrechtsverletzung der Nachkriegszeit noch einmal Öl ins Feuer gegossen zu haben.

Sein Umgang mit der Leihmutterschaft hat Spahns persönliche Glaubwürdigkeit ruiniert. Eine Bitte um Verzeihung anzukündigen und sich dann mit einer Lüge darum herumzudrücken hat einem ganzen Land geschadet.